Erfahrungsberichte Kasachstan

Im Juni 2009 besuchte eine PNJ-Gruppe Kasachstan und informierte sich über "Jugendkulturen". Hier einige Berichte, die nach der Reise entstanden

 

Zwischen Kobyz und E-Gitarre
von Kerstin Fritzsche

 

In Kasachstan entstehen Jugendkulturen oft auf Initiative einzelner Engagierter. Anders als in Europa äußern sie sich aber meistens nur über die kulturelle Praxis, Musik und Klamotten spielen oft keine Rolle. Und bevor sie sich weiterentwickeln und vielleicht rebellisch werden können, werden sie vom Staat vereinnahmt.

 

Im ursprünglichen populärkulturellen Verständnis haben Jugendkulturen unbedingt ein widerständiges Moment: Abgrenzung von traditionellen Normen und Werten, Erschaffung und Manifestierung eines eigenen Ausdrucks in Form von Musik, Kleidung, Gestus, oft auch Rebellion gegen den Staat. Selbst unpolitischen Jugendkulturen in Europa wie der  Techno-Bewegung oder jetzt Emo wird mit ihrer undifferenzierten „Scheiß egal“-Haltung noch ein solch ein widerständiges Moment zugestanden.


In Kasachstan ist das anders. Dort entstehen Jugendkulturen in der Regel, weil man in der Unabhängigkeit nun endlich auch all das haben, hören und machen möchte, was es woanders, vor allem in Europa, gibt. Und findet sich dann eine Gruppe, wird sie sofort vom Staat vereinnahmt: Die Kommunalverwaltungen bieten den Gruppen Räume und Geld, in regelmäßigen Abständen treffen sich in der Hauptstadt Astana Vertreter von Präsident Nursultan Nasarbajevs Regierungspartei mit Vertretern der Gruppen, und die regierungsnahe Studierendenorganisation „Allianz der Studenten von Kasachstan“ tut ihren Teil zur Vernetzung zwischen den Generationen. Die Gruppen entwickeln sich außerhalb dieses Rahmens zum Großteil nicht weiter, denn sie haben ja alles, was sie brauchen und müssen sich (Frei-)Räume und Strukturen nicht erst erobern.

 

So treffen beispielsweise in Astana im städtischen Jugendzentrum, „Schülerpalast“ genannt, nachmittags die Nachhilfeschüler auf die Skater, die dort vor zwei Jahren einen kleinen Skatepark gesponsert bekommen haben. Die Geräte stammen aus Deutschland. Das ist Sergej Polkovnikov (18) zu verdanken. Er hat Skateboarden im Sportfernsehen gesehen, ist kurzerhand ins russische Omsk gefahren, um sich dort ein Board zu kaufen und hat sich und danach Astana alles selbst beigebracht. Er ist auch der Einzige, dem schon auf zehn Metern Entfernung anzusehen ist, dass er Skater ist: passende Klamotten und Schuhe. Ja, sagt er, er höre schon Rock und Indie und ein bisschen HipHop, aber dafür habe er sich schon vor dem Skaten interessiert. „Wir machen aber auch Graffiti!“ ruft der 15-Jährige, der beim Gespräch neben Sergej steht. Ungläubig gucken wir deutschen Besucher uns um. In einem Torbogen auf dem Hof des Schülerpalasts ist etwas gekritzelt, na gut, aber von Writings oder gar großflächigen Kunstwerken keine Spur. „Macht ihr das auf Leinwänden? Ich habe unterwegs in der Stadt  keine Graffiti gesehen“, sage ich. Da lacht der Junge und holt seine Zeichenmappe hervor. Als wir von der urbanen Kunst in Berlin erzählen, von den Stencil-Battles in den Bezirken bis hin zum Züge-Bomben, starren uns mehrere Augenpaare teils interessiert, teils entsetzt an. „Wir haben davon gehört“, sagt Sergej, „aber in Kasachstan gibt es das nicht. Da würde man ja sofort verhaftet!“ In Deutschland auch, sagen wir, aber deswegen gibt es all das trotzdem. Bevor die Jungs wieder auf ihre Boards springen, ernten wir Blicke, als hätten wir den Präsidenten gerade persönlich angegriffen. Haben wir vielleicht auch, denn hier haben alle eine sehr loyale Einstellung gegenüber dem Präsidenten und der Staatsgewalt.

 

Dass zum Skaten unbedingt Graffiti gehört wie Breakdance zu Beatboxen, ist hingegen für Koszhan Kurmanbaiuly eine klare Sache. Der erst 13 Jahre alte Beatboxer ist in Kasachstan so etwas wie ein kleiner Star. Während bei uns in Deutschland das Musikmachen mit Stimme und Körper übers Mikrofon seit Mitte der 1990er-Jahre eigentlich wieder out ist, schlägt Koszhans Kunst im größten Binnenland der Welt zusammen mit Breakdancen ziemlich ein, vielleicht, weil es immer noch als exotisch gilt. Wie viele andere ihre Jugendkultur hat auch Koszhan Beatboxen über das Internet entdeckt und kann damit inzwischen Geld verdienen, auch die Musikanlage hat er selbst finanziert. Er übt jede freie Minute, auch mal an der Bushaltestelle. Seit April bildet der Sohn eines Komponisten mit zwei Anderen das Beatbox-Team „Megabeat“. Sie haben auch schon die kasachische Nationalhymne „verbeatet“ und sind damit aufgetreten, im September erscheint ihr erstes Album. Sie wollen berühmt werden. Aber „Megabeat“ will auch vernetzen und mit einem großen Festival im Herbst Musiker, Breakdancer und Graffiti-Sprayer in Astana zusammenbringen – falls das zu finanzieren geht. Politisch findet er sein Engagement aber nicht: „Es geht darum, dass wir etwas gemeinsam machen und nicht jede Gruppe für sich bleibt. Mit einem Festival zeigen wir, wie alles zusammengehört und es all das eben auch in Kasachstan gibt.“ Zu Hause setze er das Basecap ab. „Da bin ich dann ein ganz normaler Jugendlicher!“

 

Ein paar Straßen weiter treffen wir in einem stickigen Hinterraum eines Möbelcenters auf Shokan Abishev. Hier haben er, seine Jungs und ein Mädchen ein kleines Studio eingerichtet, in dem sie hingebungsvoll an der eigenen Rap-Musik frickeln. In Hemden und schlichten Hosen und mit akkurat gescheiteltem Haar sehen die Jungs recht unscheinbar aus. Wenn sie in ihre Musik eintauchen, verwandeln sie sich aber zu echten HipHoppern mit entsprechenden Posen. So sieht ihr professionell gemachten erstes Video ziemlich amerikanisch aus: Rappende, harte Jungs mit Basketball-Shirts, Goldketten, Basecaps und Stirnbändern singen in fetten Limousinen, auf Hochhausdächern oder in ranzigen Wohnzimmern neben Jack Daniel's-Flaschen und leicht bekleideten Mädchen vom Leben als Jugendlicher in Astana zwischen Islam und Globalisierung. Dabei wollen „Yourist Centre Productions“ - der Name ergibt sich durch die jugendlichen Themen, über die sie rappen und Shokans Jura-Studium - gar nicht wie eine US-amerikanische Kopie daherkommen. „Wir wollten schon was Eigenes machen. Aber ich habe kurz vor dem Dreh keine T-Shirts mit kasachischen Symbolen gefunden bzw. waren die zu teuer“, erklärt er schuldbewusst. „Also hab ich Sachen gekauft, die möglichst neutral aussehen.“ Den Rest erledige die Sprache. Die Combo rappt auf Kasachisch und Russisch. „Da sind knackige, eingängige Melodien gefragt“, erklärt Shokan. Denn in den Turksprachen sei es im Gegensatz zu Englisch wegen der Wortzusammensetzungen schwierig, kurze Sätze und dann auch noch logische Reime zu bilden. „Genau daraus ziehen wir aber unseren Ehrgeiz für diese Art von Musik!“ Die Fünf haben viel vor: Noch im Sommer wird in Taschkent das nächste Video gedreht, vielleicht erscheint noch 2009 das Album. 20 Songs haben sie schon. In Zukunft wollen sie sich auch als Produzententeam verdingen, um Jugendlichen zu helfen und damit Popkultur zu promoten. Wollen sie mit ihren Liedern Missstände aufzeigen? Schätzen sie ihr Engagement als politisch ein? „Naja“, sagt Shokan, „wir rappen zwar auch von Nazis und gegen Drogen, vom Gegensatz zwischen Arm und Reich. Das ist aber alles eher positiv besetzt. Wir wollen inhaltlich unkompliziert bleiben, damit wir auch in der Disco gespielt werden.“ Für ihn ist es kein Problem, dass sie hier ihr eigenes Ding machen und tags zuvor noch beim Nationalfeiertag der Staatssymbole in der Universität aufgetreten sind, wo sie einen Hymnen-Rap auf Kasachstan performt haben. Vor und nach ihrem Auftritt standen Studenten in traditionellen Kleidern oder Abendgarderobe auf der Bühne und spielten die landesüblichen Instrumente Dombra (Zupfinstrument mit zwei Saiten) und Kobyz (zweisaitiges Streichinstrument). Organisiert waren die Feierlichkeiten von der Studenten-Allianz.

 

Abends geht’s in den „Jam“-Club. Er wurde erst vor knapp drei Monaten eröffnet. Nach den Erzählungen unserer Begleiter ist diese Underground-Clubkultur etwas Neues für Astana, das sonst nach russischem Vorbild vor allem über edle Tanzschuppen mit Dresscode, Separées und teuren, westlichen Bieren verfügt, wo Männer in Anzügen zu aufgepopten 80er-Jahre-Dancehits und projizierten Softerotik-Filmen mit Frauen mit knappen Röcken und tiefen Dekolletés tanzen. Rockschuppen oder überhaupt alternative, handgemachte Musik fände man sonst eher in Almaty, so Marat, der von dort stammt. Im „Jam“ spielen heute Abend drei Bands: „Die 5. Ecke“, „Cry Baby“ und „Novokain“. Valeria und Lena (beide 18), die bei uns mit am Tisch sitzen, sind ziemlich euphorisch. Sie spielen selbst in einer Band und sind einfach neugierig, was andere so machen und wie sie sich präsentieren. Der Gewölbekeller des „Jam“ ist zu zwei Dritteln mit Tischen vollgestellt, an denen bunt gemischtes Publikum im Takt mit Kopf oder Füßen wippt. Roter Backstein, blaues Licht, es wird Bier getrunken. Die meisten sind eher normal und unauffällig gekleidet, aber es gibt auch ein paar tätowierte, gepiercte Rocker mit langen Haaren oder den Indie-Typ mit schwarzem T-Shirt und Basecap. Der Sänger von „Cry Baby“ sieht ein bisschen aus wie Eddie Vedder und hat, wenn er will, eine ebensolche Stimme. Es werden eigene Songs auf Englisch und Russisch dargeboten oder Cover. „You better make it better coz this is the world that makes me worse.“ Selbst als „Cry Baby“ etwas lauter und rockiger werden, springen nur wenige auf die Tanzfläche. Als sie ihr Bier aufgezuzzelt haben – in Kasachstan trinkt man Bier mit Strohhalmen – verabschieden sich Valeria und Lena. Dass es ihnen sehr gut gefallen hat, verrät nur ihr dauerhaftes Lächeln. „Die Leute sind es nicht gewohnt, selbst etwas in die Hand zu nehmen und zu gestalten“, erklärt uns der Mann, den alle nach dem traditionellen kasachischen Hefegebäck nur „Borsak“ nennen, weil er genauso rund ist, später. Borsak ist 20 und der Veranstalter dieses Konzertabends. Zur Entwicklung der hiesigen Musikszene fällt ihm ein Vergleich ein: „Wenn in Europa das alles mit der Geschwindigkeit eines Flugzeugs passiert, dann passiert es in Kasachstan mit der eines Fahrrads.“ Und Fahrräder sind noch dazu, wie Motorräder, in Kasachstan bis dato ziemlich unbekannt und exotisch.

 

Beatboxer

Peter Theiesen traf einen jungen schon recht erfolgreichen Beatboxer, den er in der ZDF-Sendung "logo" am 21.10.2009 vorstellte.

 

Tabula Rasa in der Steppe
von Eva Kowalski

 

In den Weiten der kasachischen Landschaft erhebt sich gleich einer Fata Morgana Astana, die jüngste Hauptstadt der Welt. Der Traum des Präsidenten hat sich hier, wo zuvor nur unbedeutende Provinz war in Stahl und Glas manifestiert. In Volker Schlöndorffs Film „Ulzhan“ sieht es aus wie im Science fiction Kino und wenn man dann dort ist bleibt der Eindruck einer Melange der„Schönen Neuen Welt“ und den Visionen aus „Weltall, Erde, Mensch“ , dem Jugendweihebuch in der DDR durchaus erhalten.

 

Ziemlich ratlos hätte mich das alles gelassen, wäre da nicht die alles überwältigende Gastfreundschaft der Kasachen, die man bei allen Gelegenheiten spüren konnte. Die jungen Studenten, die uns rund um die Uhr betreuten, versuchten uns beinahe jeden Wunsch zu erfüllen. Liebenswürdig und stolz präsentierten sie uns die Stadt und die dort entstandenen neuen Lebensmöglichkeiten.

 

Immer wieder wurde das alles auch als die „wahre Realität“ gegenüber„Borat“ gezeigt. Dieser Film, den niemand in Kasachstan gesehen hatte, ist trotzdem in den Köpfen außerordentlich präsent und jeder distanziert sich von ihm. Dafür aber laufen in den Kinos jede Menge internationale Blockbuster, selbst der neue Tarantino ist schon in der Werbung vertreten. In dieser Hinsicht reicht die Globalisierung mitten in das Herz von Kasachstan, und auch der Dresscode ist ein Internationaler.


Wie aber steht es nun mit der Tradition? Haben Folklore und ethnische Besonderheiten in solch einem futuristischen Umfeld überhaupt eine Chance? Denken Jugendliche traditionell und spielen global, welche Rolle haben Bekleidungselemente in diesem Zusammenhang? Träume und Wünsche,  manifestieren sie sich in T-Shirt und Jeans?

 

„I love Astana“ Herzchen kaufen wohl vor allem die Touristen. Viel ideenreicher ist das, was die jungen Leute selbst tragen, T-Shirts deren Gestaltung häufig einen Mix aus modisch international orientierten Mustern und traditionell inspirierten Elementen aufweist. Zumindest bei den Jugendlichen mit denen wir ins Gespräch kamen war das auch mehr oder weniger unbewusst eine Erklärung der Verbundenheit mit ihrem Vaterland. Nationalstolz wird in Kasachstan nicht gerade klein geschrieben.

 

Wie überall drückt sich Gruppenzugehörigkeit auch über Bekleidung aus, den Schriftzug „encounter“ tragen die Mitglieder stolz über der Brust. Vor allem aber soll die Kleidung bequem und strapazierfähig sein. Das kann man dann von der Abendgarderobe nicht mehr behaupten. Hochgestylt, glänzend und sehr chic sind die Kleider und das Interieur, die Nachtclubs Astanas könnten überall in der Welt sein, nur in den Gesichtern kann man Asien noch erkennen.

Aber auch können sie anders. Bei einem studentischen Kulturprogramm zur Feier der Nationalen Symbole zeigte ein junger kasachischer Modemacher Abendkleider, die raditionelle Ornamentik mit fast futuristischem Design verbinden. Diese allerdings werden nur in Handarbeit und Einzelstücken gefertigt, Haute Couture eben. Solch absolut weltstädtische Kleidung hat ihre Wurzel auf dem Dorf. Bei seiner Großmutter hat Abischew Kairolla den seine Liebe zu Stoffen und Farben entdeckt und den Umgang mit Nadel und Faden erlernt. 1993 kam er in die neue Hauptstadt und seit einigen Jahren lehrt der Autodidakt an der Universität in Astana. Heute beschäftigt er in seinem Atelier 15 Mitarbeiter, entwirft ganz individuelle Kleidung ohne dabei wirklich reich zu werden, trotzdem eine Erfolgsgeschichte, denn „Geld ist nicht das wichtigste“, wie er meint.

 

In einer Modeschule vermittelt er Kindern und Jugendlichen den Umgang mit Farben und Formen in Bezug zum eigenen Körper, ästhetisches Grundwissen und Spaß am Entwurf individueller Kleidung. Für Menschen wie ihn steht Astana vielleicht wirklich für die noch unbestimmte, neu zu definierende Zukunft von Kasachstan, auf der Grundlage von Tradition und Selbstbestimmung.

Aller aktueller Kleidungschic sollte den Besucher nicht täuschen, grundsätzlich haben viele unserer jungen Gesprächspartner einen anderen Wertekanon als die Jugendlichen in unseren Großstädten. Eltern und Familie haben einen extrem hohen Stellenwert. Es ist klar, dass man für die Eltern im Alter sorgen wird, was schon damit beginnt, dass der künftige Ehepartner sich gut mit den eigenen Eltern verstehen muss, ebenso wie man auf jeden Fall die Familiensymbole übernehmen und ehren wird. In ihrer Lebensplanung sahen sich die meisten als Teil eines sozialen, familiären und gesellschaftlichen Netzes, mit allen Verpflichtungen, die sich daraus ergeben.

 

Eine halbe Autostunde vor der Stadt liegt Akmol, ein Dorf wie es viele gibt in Kasachstan. Dort sitzen die alten Frauen wie eh und je vor ihren Häusern und plaudern, mit Kopftuch und Sonntagskleid. Ein junger Mann läuft mit WM-Basecap vorbei. Alles wäre ganz normal, gäbe es nicht in unmittelbarer Nachbarschaft ein Mahnmal zum Gedenken der Opfer des Gulag. Das ist eine Vergangenheit, von der sich das junge Kasachstan entschieden distanziert. Und auch dafür hat Astana Symbolcharakter, die Zukunft, deren Skyline sich am Horizont abzeichnet.

Zum Ende noch der Verweis auf ein Kleidungsstück mit Symbolcharakter, zwar schmückt auch eine funkelnagelneue bombastische Moschee die Stadt, Kopftücher jedoch habe ich nirgends gesehen. Vielleicht bestätigt sich auch so die Behauptung vom friedlichen Miteinander verschiedener Völker und Religionen in Kasachstan.

 

Hip Hop in der Steppe
von Fritz Hermann Köser

Wer bei Kasachstan nur an Borat und endlose Steppe denkt, irrt. In Astana, der Hauptstadt, hat die Moderne längst Einzug gehalten. Hier gibt es neben ultramodernen Prachtbauten auch eine florierende Jugendszene, die begierig Trends aus dem Ausland aufgreift, aber diese zum Teil auch mit kasachischen Einflüssen vermengt. Der Staat unterstützt und überwacht zugleich diese Jugendkulturen, örtliche Behörden unterstützen sie mit Geld und Räumlichkeiten, aber sie sorgen zugleich dafür, dass sie „nicht aus dem Ruder laufen“.

 

So können sich auch Skateboarder wie Sergej Polkovnikov scheinbar ungehindert austoben. Der verwegen aussehende 18-Jährige mit trendy verwuschelten Haaren und coolen Schlabberklamotten ist stets von einem Schwarm junger Damen umgeben, die begeistert zuschauen oder selber einige Sprünge wagen. Alles findet im eigens eingerichteten Skaterareal statt, woanders in Astana haben die Bretter, die die Welt bedeuten, nichts verloren. Wer sich lieber mit der Sprühdose verewigt, darf das ebenfalls. Grafitti sind aber nur an bestimmten, von den Stadtoberen freigegebenen Flächen, erlaubt.

 

Wie in Nordamerika treffen sich die jungen Leute gerne in Einkaufszentren wie der Mega-Mall, einem prächtigen Konsumtempel aus Glas und grünem Marmor. Tacos, Pizza und ein gewaltiges Kino locken die Kids an. Im vierten Stock befindet sich zum Erstaunen der fünfköpfigen Journalistendelegation aus Deutschland, die auf Einladung des staatlichen Studentenverbands „Allianz der Studenten von Kasachstan“ nach Astana gereist ist, ein eigener kleiner Vergnügungspark mit Videospielen und Fahrgeschäften, Autoskooter und Karussells inklusive.

In einem kleinen Raum dahinter frönt man auch den neuesten Musik-Trends. Koszhan Kurmanbaiuly, ein gerade mal 13 Jahre alter Lehrmeister des Rap mit modisch schief sitzenden Basecap weist Kinder und Jugendliche in die hohe Schule des „Beat-Boxings“ ein. Es gilt dabei, seltsame Laute mit den Lippen zu formen. Über das Internet ist er auf diese Musikrichtung gestoßen, verdient inzwischen Geld damit. Das Musizieren liegt ihm im Blut, der Vater ist Komponist. Seit einiger Zeit formt der Autodidakt das Projekt „Megabeat“. Er plant ein großes Festival in Astana für Musiker, Graffiti-Freaks und Breakdancern.

 

Ja, die Hip-Hop-Kultur hat als globales Phänomen längst auch die zentralasiatische Steppe erreicht. Der kasachische Jay-Z oder Busta Rhymes heißt Shokhan. Im Land ist er eine Berühmtheit, er war schon auf dem russischen Ableger des Musikkanals MTV zu sehen. Sogar mancher US-Rapper wäre vermutlich zufrieden mit seinem neuen, gut gemachten Video.  Die Beats sind so fett wie bei Eminem. Die Goldketten und Limousinen so überproportioniert wie bei Snoop Dog. Die Mädchen so hübsch und  so knapp bekleidet wie bei Ice T. Sie räkeln sich lasziv um die Stangen eines Nachtclubs. Der Clip zeigt das typische Hip-Hop-Macho-Gehabe. Doch der Sprechgesang dröhnt auf kasachisch aus den Boxen. In ihm rühmt Shokan die schönen Mädchen von Astana. Der Rapper besteht auf einer eigenen Handschrift. „Wir wollen nicht einfach den amerikanischen Stil kopieren“, sagt er. Sein kleines, selbst gezimmertes Aufnahmestudio in den Maßen einer größeren Besenkammer befindet sich hinter dem Ausstellungsraum eines Möbelhauses mit quietschbunten Sitzpolstern und Schränken im Rustikalstil. Egal. Der junge Mann verwirklicht seinen Traum.

 

Sobald es dunkel wird, flanieren Paare und junge Leute, wie in fast  allen Städten der ehemaligen Sowjetunion. Sie bevölkern die ansehnliche Uferpromenade am Fluss Ishim oder die Parks mit ihren Imbissbuden und Karussells. Es gibt auch eine Clubszene wie in Europa oder Amerika. In dem derzeit angeblich angesagtesten Tanzschuppen mit dem ulkigen Namen „Schokolade“ nippen junge, durchgestylte Kasachen und ihre schicken Freundinnen an Cocktails, tummeln sich auf der Tanzfläche oder lümmeln sich in der Lounge auf weißen Ledersesseln.  Aus den Boxen dröhnen Modern Talking oder Lady Gaga. Die Türsteher am Eingang sind so launisch und unberechenbar wie in Berlin oder London. Doch wer es nicht in die „Schokolade“ schafft, der  lässt es eben im „Eis“ krachen. Dort wartet auf die Medienleute reichlich Wodka, natürlich nur original kasachische Tropfen.

 

Trotz Discos, Baggy-Trousers und Basecaps, trotz internationaler Trends sind viele junge Leute glühende Patrioten. Für Ironie ist da nicht immer Platz. „Ich hasse Borat“, sagt Ermek Makashev, Vorsitzender des staatlichen Studentenverbands „Allianz der Studenten von Kasachstan“. Umso mehr freut es ihn, dass einer der Journalisten ein gerahmtes Bild von Staatschef Nursultan Nasarbajew ersteht. Als Souvenir. Ermek persönlich organisiert den kurzen, außerplanmäßigen Trip und begleitet ihn in das Geschäft.

 

Auch viele junge Kasachen verehren den Präsidenten. Ermeks Organisation hat vor wenigen Jahren den Tag der Nationalen Symbole ins Leben gerufen. Alle Universitäten begehen ihn am 4. Juni mit einer pompösen, aus westlicher Sicht eigentümlichen Show, mit Fahnen, Gedichten und Musik. Der Staat hat sich auf den Zug aufgeschwungen und den Tag zu einem inoffiziellen Feiertag erklärt. Darbietungen mit Pomp gibt es auch in der vollbesetzten Aula der Medizinischen Universität in Astana. Da parlieren zwei Moderatoren abwechselnd auf kasachisch und russisch. Da marschieren zwei Studenten mit der kasachischen Fahne im Stechschritt auf die Bühne. Da rezitiert eine unscheinbare junge Brillenträgerin lauthals patriotische Gedichte, ein Mädchen klampft im historischen Gewand, ein Hip-Hopper rappt, es gibt sogar eine Modenschau. Die Nationalhymne darf nicht fehlen. Ermek springt von seinem Stuhl auf und motiviert die Anwesenden gestikulierend zum Aufstehen. Gehorsam erheben sich alle von ihren Sitzen. Sich über die aus westlicher Sicht etwas merkwürdig wirkenden Darbietungen zu amüsieren, greift zu kurz. Der riesige Vielvölkerstaat ist kaum 20 Jahre jung, er sucht nach einer Identität.
„Wir haben uns so lange nach Unabhängigkeit gesehnt“, sagt Dolmetscherin Aigerim Rachimskanava, die vor wenigen Jahren in München Deutsch studiert hat. Die Einwohner unseres Staates sind Kasachstaner, nicht Kasachen, erklärt sie. Letztere sind nur eines von vielen Völkern. Die nationalen Symbole verbinden alle Ethnien, so die junge, ernsthafte Frau. Sie schaffen Gemeinsamkeiten. „Das wichtigste ist unsere Heimat“, sagt sie.

 

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Im Oktober 2007 reiste eine Gästegruppe des PNJ für eine Woche nach Kasachstan, um sich vor allem über den Themenschwerpunkt "Jugendmedien und Medienkompetenz" zu informieren. Hier einige der Berichte, die im Anschluss an das Programm entstanden.

TIME OUT in Almaty

Rundfunkreportage von Sebastian Nase

Anmod
Jede größere Stadt hat ihr Magazin für Veranstaltungen, Restaurants und sonstige Lifestyle-Themen. Hier in Siegen haben wir die Zeitschrift Inside. In Köln gibt es die Köln Revue, den Kölner oder Prinz. Aber das vermutlich bekannteste Stadtmagazin ist wohl das Time Out Magazin. Erhältlich in den ganz großen Städten dieser Welt. Es gibt Time Out New York, Time Out London, Time Out Moskau, Und seit einem knappen Jahr auch Time Out Almaty! Almaty? Wo Almaty liegt und warum es dort auch ein Time Out Magazin gibt kann euch Sebastian Nase erzählen.

 

OFF-Text
Almaty war bis 1998 die Hauptstadt von Kasachstan. Die Stadt liegt im Süd-Osten des Landes ungefähr 300 km von der Grenze zu China entfernt. Kasachstan ist eines der rohstoffreichsten Länder überhaupt und entwickelt sich seit einigen Jahren zumindest in den urbanen Regionen rasant. Die neue Hauptstadt Astana wurde zum Beispiel mitten in der Steppe und in kürzester Zeit aus dem Erdboden gestampft. Allerdings ist Almaty nach wie vor kommerzielles Zentrum und die pulsierende Metropole des Landes, was Madi Mambetov, der Chefredakteur des Time Out Almaty, bestätigt.

 

OTON
Ich kann sagen, dass Almaty nicht nur eine der größten Städte in Zentralasien ist, sondern vor allem eine Stadt in der sich gerade die Lifestyle & Entertainment relevanten Branchen wie Kunst, Musik, Restaurants und Geschäfte sehr schnell entwickeln. Es liegt auch irgendwie in der Luft. Viele Leute hier machen eine Menge Geld und wollen es auch ausgeben. Und so verdienen andere ihren Lebensunterhalt damit, dass sie Möglichkeiten zum Geldausgeben schaffen. Es gibt viele kreative Leute die neue Restaurants und Nachtclubs aufgemacht haben oder in den Bereichen Mode, Musik, Theater tätig sind. In Almaty haben wir mehr Kinos und Nachtclubs als in jeder anderen Stadt in Zentralasien.

 

OFF
Und informieren kann man sich über die wachsende Zahl an Lokalitäten und Events seit knapp eineinhalb Jahren im Time Out Magazin Almaty. Das Magazin erscheint auf Russisch und ist eines der jüngsten Mitglieder in der großen Time-Out Familie, in der es, wie in anderen Familien auch, Mitglieder gibt die sich etwas näher stehen als andere.

 

O-Ton 
Es gibt ungefähr 23 Time Out Magazine auf der ganzen Welt. Von Singapur und Sidney bis New York und Chicago. Ich finde zum Beispiel die Ausgaben von New York, Neu Dheli und Istanbul sehr gut. Aber wir stehen den Time Out Magazinen die auf Russisch erscheinen näher. Das heißt Time Out St. Petersbug, Time Out Kiew und Time Out Moskau. Vor allem das aus Moskau dient uns als Quelle der Inspiration und steht uns von allen Time Out Magazinen auf der Welt am nächsten.

 

OFF-Text
Die enge Verbindung zu Moskau kommt nicht von Ungefähr. Schließlich war Kasachstan bis 1992 Teil der Ehemaligen Sowjetunion. Zuvor war das Land bereits unter den Zaren an Russland angegliedert. Diese lange Zeit hat Spuren hinterlassen. Obwohl Kasachisch mittlerweile die offizielle Amtssprache ist, wird sie nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung gesprochen. Russisch ist nach wie vor Verkehrssprache. Auch für die Time out Redakteurin Alina Mustaifina.

 

O-Ton 
Es ist eine schlechte Sache an unserem Land. Alle Leute hier sprechen nur Russisch. Und eigentlich wissen wir nicht sehr viel über unsere eigene Kultur und pflegen sie auch nicht. Ich, zum Beispiel, kann auf kasachisch nur einfache Dinge sagen, wie: „Hallo! Wie geht’s?“; „Wie heißt du?“ und so etwas. Und so ist es mit den meisten Menschen hier. Unsere Kinder, die Teenager, die wollen einfach globaler sein.

 

OFF
Und das bedeutet primär eine Öffnung in Richtung Westen. Dieser Trend führt vermutlich zum einen zu den enormen Entwicklungen im Unterhaltungsbereich. Aber andererseits eben auch zum Verlust der ursprünglichen Kultur. Besonders im Bereich des Nachtlebens geben Europa und noch mehr die Vereinigten Staaten den Ton an.

 

O-Ton
Früher hatten wir unsere eigene Sowjetmusik, aber in letzter Zeit sind wir globaler geworden. Weil wir beginnen etwas über R’n’B Culture, Clubmusic oder Elektronische Musik zu erfahren. Das ist hier in Almaty sehr populär. Aber darüber vergessen wir unsere eigene kasachische Musik. Also, ich meine ethnische Musik und so weiter. Weil jetzt haben wir die Wahl uns auch andere Sachen anzuhören, die populärer und bekannter sind.

 

O-Ton
Diese Entwicklung wird besonders von jungen Leuten begrüßt. Die Verdrängung der kasachischen Musik wird von Alina akzeptiert und weniger bedauert. Auch Sie geht abends am liebsten zu den klängen westlicher Musik tanzen. Allerdings geht das in Kasachstan außer in Almaty im Grunde nur noch in Astana. Denn es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass sich der Wandel der Lebensqualität und die Folgen des Wirtschaftswachstums nicht überall gleich niederschlagen.

 

O-Ton
Es ist ein sehr großer Unterschied. Hier in Almaty kann man ausgehen und es sich gut gehen lassen. Aber in kleinen Städten, schon wenn du nur einhundert Kilometer aus der Stadt rausfährst, kannst du sehen wie unsere Leute leben. Sie leben nicht gut. Ihre Lage ist schlecht. In Almaty ist sie besser, aber das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt nicht. Eine Wohnung kostet Minimum 500 Dollar im Monat. Aber dann lebt man im schlechten Teil der Stadt, hat eine kleine Ein-Zimmer-Sowjet-Wohnung. Sehr dreckig und unmöbliert. Für nur 500 Dollar. Eine normale Wohnung im Stadtzentrum kostet dann schon 2000 Dollar.

 

OFF-Text
Das zeigt natürlich auch die Schattenseiten des rasanten Aufschwungs von Kasachstan. Es bleibt allerdings zu hoffen, dass sich der Rohstoffreichtum Kasachstans auch auf die ländlichen Gegenden positiv auswirkt. Doch bei all dem beschworenen Aufschwung den vielen Restaurants, Kinos und Clubs offenbart Madi Mambetov am bei seinem Tipp für den perfekten Abend in Almaty eine Überraschung.

 

O-Ton
Ich mag eigentlich keine Clubs mehr und Restaurants gefallen mir auch nicht. Also der perfekte Abend für mich ist in meinem Haus mit einer guten DVD. Vielleicht etwas chinesischem Essen eine guten Flasche Weißwein. Und genau davon träume ich auch jetzt.

 

Jugend und Medien in Kasachstan

Dorte Huneke

 

Es gibt keine Zensur. Die Zeitungen schreiben die Wahrheit. Der Präsident ist gut. Die Kinder dieses Landes sind schön. Alles wird gut. Die Zukunft wird besser. - Diese Sätze bekamen wir genau so oder in Variationen während unserer Reise mehrfach zu hören. Es ist das Bild, das die Medien vermitteln: Von einem Land im Aufbruch. Die Vergangenheit war gestern. Heute wird daran gearbeitet, dass morgen alles besser ist. Etwas anders gestaltet sich die Darstellung in der oppositionellen Presse, die für den doppelten und dreifachen Kaufpreis nicht immer am Zeitungsstand zu haben ist.

 

Ganz ähnliche Bilder zeichnen auch unsere Gastgeber und Gesprächspartner mit tiefer Überzeugung. Wobei natürlich zu bedenken ist, dass man sich und die eigene Heimat Gästen gegenüber gerne von der besten Seite präsentiert. Dennoch: die überwältigende Loyalität (besser: respektvolle Verehrung) gegenüber einem Staatsüberhaupt, das seine Macht in radikaler Manier ausübt und sich diesen Posten vor kurzem auf Lebenszeit gesichert hat sowie der uneingeschränkte, überwältigende Optimismus, den die Bevölkerung verbreitet, sind bemerkenswert und für Besucher aus westlichen Ländern durchaus erstaunlich. Widerstandsgeist, Rebellisches muss man in der Stadt mit der Lupe suchen. Dass es um die Pressefreiheit nicht besonders gut bestellt ist, erfahren wir nur aus anderen Quellen. Auf der von Reporter ohne Grenzen jährlich aktualisierten Rangliste zur Lage der Pressefreiheit weltweit ist Kasachstan auf Platz 138 (von 167) angesiedelt. Unsere Fragen nach Zensur und Verstößen gegen die Pressefreiheit werden mit vehementem Kopfschütteln beantwortet. Von derartigen Problemen hat so gut wie niemand unserer Gesprächspartner jemals gehört.

 

Schätzungsweise fünf Prozent der kasachstanischen Bevölkerung haben Zugang zum Internet – bei einer Bevölkerung von etwa 15 Millionen also 75.000 Menschen. Der Großteil der Internet-Nutzer lebt höchstwahrscheinlich in den beiden größten Städten des Landes: dem Kultur- und Wirtschaftszentrum Almaty und der offiziellen Hauptstadt Astana. Denn die städtischen Grenzen scheinen eine Art Zeitzone zu bilden: außerhalb verläuft das Leben im vor-modernen Stil. In den Städten sind die Internet-Cafes rar gesät, aber vorhanden. Unsere jungen Gastgeber, Dolmetscher und Reisebegleiter (Deutsch-, Wirtschafts- und Journalistik-Studentinnen) verfügen zwar mehrheitlich über eine Email-Adresse. Gebrauch scheinen davon aber die wenigsten zu machen.

 

Die Organisation für Sicherheit in Zusammenarbeit in Europa (OSZE) bemängelte wenige Wochen vor unserem Abflug nach Almaty eine erneute Zunahme von staatlicher Zensur im Internet. Ausdrücklich genannt wurden in diesem Zusammenhang China, Iran, Georgien, Sudan, Weißrussland, aber auch Kasachstan als Staaten mit Maßnahmen gegen die Meinungsfreiheit. Einen Internetanschluss zu Hause haben die wenigsten Kasachen. Computer stehen in Büros und an den Universitäten. Was die Breitenwirkung beeinträchtigt und das Nutzungsverhalten bestimmt.

 

„Ja, wir benutzen das Internet“, sagen die Teilnehmerinnen eines Germanistik-Seminars an der Kasachischen Universität für Internationale Beziehungen und Weltsprachen Abylaj Chan. Deutsch war dort lange Zeit eine populäre Sprache, Germanistik ein beliebtes Studienfach. Seit einigen Jahren werden die Gelder für diesen Fachbereich jedoch stark gekürzt, das Interesse schrumpft. Auf die Frage, wofür sie das Internet nutzen, reagieren die Studentinnen zögerlich. Facebook und MySpace sagen ihnen nichts. Aber von YouTube haben sie schon einmal gehört. Hauptsächlich schreiben sie am Computer Emails oder chatten mit Freunden. Erneutes Nachfragen ergibt, dass es auch keine russischen Äquivalente der genannten amerikanischen Sites gibt, auf denen die Studentinnen aktiv sind. (Eine obligatorische Frage. Denn die Jugend in Kasachstan denkt global und spricht Russisch – nicht Kasachisch. Zum Leidwesen des Präsidenten, der die kasachische Sprache als verbindendes und identifikationsstiftendes Element in der Gesellschaft vertiefen will.)

Repräsentativ sind die Ergebnisse aus den Gesprächen mit einzelnen Studentinnen und Studenten an kasachstanischen Universitäten natürlich nicht, bemerkenswert aber schon, da das Land – wenn man den ambitionierten Plänen des Präsidenten glaubt – ganz vorne auf der Welle westlicher Entwicklungen mitschwimmt. Im Westen wäre jedoch nur mit sehr viel Mühe eine Gruppe 18- und 19-Jähriger zu finden, die Facebook, MySpace und YouTube nur vom Hörensagen kennen.

 

Möglicherweise ist aber auch einfach der Drang zum kreativen Gestalten und der Selbstdarstellung – das Grundmotiv der sogenannten Social-Network-Seiten – nicht so stark ausgeprägt wie das Bedürfnis des Nachholens, Mitmachens, Dabeiseins. Immerhin liegt die sozialistische Vergangenheit, in der Individualität und Eigentum wenig zählten und das Kollektiv an oberster Stelle stand, noch nicht allzu lange zurück.

 

Stärker verbreitet und einflussreicher ist offenbar das Fernsehen. Zumindest machte sich bei einigen von uns der Verdacht breit, die superkurzer-Minirock-zu-superhohen-Stiefeln-Mode könnte zurückzuführen sein auf entsprechende Outfits in Videoclips auf MTV und anderen Musikkanälen. Aus Deutschland kennt man Tokio Hotel, vor wenigen Monaten wurde sogar ein Fanclub in Almaty gegründet. Hintergrundinformationen reisen jedoch offenbar langsamer als Musik: Von den deutschen Gästen wollten die jugendlichen Fans hören, ob der Bill Kaulitz, der schmächtige, langhaarige Sänger der Band, ein Mädchen oder ein Junge sei. Was wiederum für die These spricht, dass mehr (Fernsehen) geschaut als (in Zeitungen) gelesen wird.

 

Die Fragen nach Fachschaftszeitschriften an Universitäten war schnell beantwortet: „An meiner Uni gibt es keine Fachschaften“, sagt der deutsche Austauschstudent Philipp Jäger. Also auch keine Fachschaftszeitungen. Der 26-Jährige ist seit September 2007 an der staatlichen Al-Farabi-Nationaluniversität eingeschrieben. „Wenn Veranstaltungen organisiert werden, dann geht das meist von oben aus, von offizieller Seite. Vielleicht ist das noch der sowjetische Einfluss.“ Tendenziell entspricht dieses Gefüge seinem Eindruck von den universitären, aber auch gesellschaftlichen Strukturen insgesamt: „Den Studenten wird von den Dozenten etwas vorgesetzt – Stundenpläne, Aufgaben, Themen. Es ist alles ziemlich verschult.“

Pressefreiheit in Kasachstan

Radioreportage von Klaus Jansen

„Das Zentralasiatische Land Kasachstán entwickelt sich zu einem demokratischen Land.“ Das ist die Einschätzung von OSZE-Mitarbeitern, die im August die letzten Wahlen im Land beobachtet haben. Auf dem Papier ist Kasachstán schon jetzt eine Demokratie, aber Papier ist bekanntlich geduldig. Die Freiheit der Presse zum Beispiel ist ein wichtiges Kriterium demokratischer Staaten. Wie es darum in Kasachstán bestellt ist, darüber berichtet Deutsche Welle-Reporter Klaus

Jansen:

 

An den Kiosken in Kasachstans größter Stadt Almatý gibt es eine große Auswahl an Zeitungen, auch oppositionelle Zeitungen sind dabei. Ein erster Blick auf die Medienlandschaft im Land lässt einen kaum vermuten, dass es schlecht bestellt sein könnte um die Freiheit der Presse dort: Auch die Vielzahl an Fernseh-Sendern lässt einen ebenfalls keinen Verdacht schöpfen.

Im gerade veröffentlichten „Jahresbericht zur Pressefreiheit“ von „Reporter ohne Grenzen“ muss man allerdings lange suchen, bis man Kasachstan findet : Dort steht das Land erst auf Platz 125, von 169 Ländern, die bewertet wurden.

 

In Almaty treffe ich eine junge Journalistin, die Deutsch spricht, und eigentlich gar nicht über die Pressefreiheit reden will. Schließlich kann sie sich doch durchringen:

 

O-ton 
„Muss ich auf alle Fragen antworten? Muss ich hier auf alle Fragen antworten, weil es….naja…ich weiß nicht ob ich das….Ähm, es ist so, dass die Journalisten, wenn sie schreiben, sie müssen wissen was sie schreiben, und dass das auch so richtig sein soll. Weil, man darf nicht immer, über einige Sachen nicht schreiben, oder ein bisschen anders schreiben, korrekt schreiben.“

„Korrekt schreiben“, das ist offenbar nach wie vor das Gebot der Stunde, vor allem dann, wenn es um Nursultan Nasarbajew geht, den Präsidenten von Kasachstan, der seit 1991 im Amt ist. Erst in der vergangenen Woche hatten sich einige Oppositionszeitungen über verdächtige Geschäftsbeziehungen von Nasarbajew ausgelassen. Kurz darauf hatte die Druckerei der Zeitungen plötzlich „technische Probleme“. Eine andere unabhängige Druckerei wurde von den Steuerbehörden versiegelt, offiziell wegen Finanzierungs-Unregelmäßigkeiten, und die Zeitungen konnten nicht rechtzeitig erscheinen. Die betroffenen Journalisten sind von einem politischen Hintergrund überzeugt. Andere Medienschaffenden glauben nicht einmal mehr an eine echte Opposition im Lande. Eine englisch-sprachige Print-Journalistin aus Kasachstan lässt ihrem Ärger

 

Luft:

O-ton 
„In unserem Land gibt es eine Opposition, aber niemand hört ihr zu, weil sie so schwach ist. Ich glaube, dass unsere Opposition von Präsident Nasarbajew eingesetzt wurde, nur zu Show, um zu zeigen dass wie eine Demokratie haben. Nach diesem Interview werde ich nachher noch entlassen. Ich hoffe niemand, der Nasarbajew nahe steht, wird das hier hören.“

Neutrale Informationen über Kasachstan zu bekommen, ist für die Menschen im Land nicht einfach. Denn unabhängige Zeitungen sind bis zu sechs Mal teuerer als die vom Staat unterstützten. Auch das Internet als Informations-Quelle ist nur bedingt geeignet, berichtet die deutschsprachige Journalistin:

 

O-Ton
„Es ist so, bei uns in Kasachstan gibt es nur fünf Prozent Menschen die Internet haben. Und es ist sehr schlecht dass es nur in großen Städten Internet gibt. Aber trotzdem können die jungen Leute sehr viel dort finden. Das Problem ist nur bei diesen kleinen Städten, wo es nicht so viel Internet gibt.“

 

Aber auch im Internet müssen Journalisten aufpassen, was sie schreiben: Noch im Januar wurde der Online-Redakteur Kasis Togusbajew zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt, wegen Präsidenten-Beleidigung. Immer wieder ist von kritischen Journalisten die Rede, die brutal zusammen geschlagen werden, bei Verkehrsunfällen ums Leben kommen, oder einfach verschwinden.

 

Auch das auf den ersten Blick so vielfältige Fernsehen hält nicht, was es verspricht: Zu nicht geringen Teilen sind die Sender in der Hand der Präsidentenfamilie, oder sympathisierender Wirtschafts-Unternehmen. Nasarbajews Tochter Dariga herrscht zum Beispiel über diverse TV-Stationen, darunter auch der Sender Khabar. Galiya Bukhal, die als Produzentin für Khabar arbeitet, macht kein großes Geheimnis aus der eindeutigen Ausrichtung des Senders:

 

O-Ton
„Wir haben mit Nachrichten begonnen, und nachdem diese Nische schon völlig erfüllt haben, haben wir uns überlegt, ob wir auch andere Programme machen können, weil wir eigentlich die positive Politik unseres Präsidenten als Hauptkanal der Stadt unterstützen wollten. Deshalb haben wir an unserer Thematik gearbeitet, also Bildung, Armee, und so weiter.

 

Bleibt abzuwarten, in welche Richtung die Entwicklung weiter gehen wird. Kasachstan strebt für 2009 den Vorsitz der Organisation zur Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, OSZE, an. Bis Ende des Jahres muss die Entscheidung fallen, ob Kasachstan dafür demokratisch genug ist. Präsident Nasarbajew hatte im Sommer versprochen, ein neues Mediengesetz umzusetzen, das auch Schluss machen würde mit der strafrechtlichen Verfolgung von Journalisten, die kritisch über die Regierung berichten. Aber wie das neue Gesetz dann schließlich angewendet wird, ist ebenfalls noch offen. 

Jugend in Kasachstan – Welchen Weg schlägt das Land für die Zukunft ein?

Radioreportage von Klaus Jansen

 

Anmod:
Das flächenmäßig neuntgrößte Land der Welt, ist: Kasachstan. Es liegt eingekeilt zwischen den beiden Großmächten Russland und China, und existiert in seiner jetzigen Form erst seit dem Untergang der Sowjetunion als eigenständiger Staat. Vielleicht ist das Land auch deshalb noch nicht so vielen Menschen auf der Welt wirklich ein Begriff. Die Kasachstaner sind ein buntes Gemisch aus vielen Völkern, und genau so vielfältig könnte auch die Zukunft Kasachstans aussehen. Wohin tendiert das Land, und welchen Weg schlägt die Jugend, also die Zukunft des Landes ein? Deutsche Welle – Reporter Klaus Jansen hat sich in der ehemaligen Hauptstadt Kasachstans, in Almatý, umgehört.

 

Menin Kasachstanym, Mein Kasachstan singen hier über 20.000 Kehlen, im Fußball-Stadion von Almaty, der größten Stadt Kasachstans. Die Nationalmannschaft spielt an diesem Abend in der Europa-Meisterschafts-Qualifikation gegen Portugal. 


Für die portugiesischen Fußball-Profis war es wohl die längste Anreise, die sie je hatten in der Qualifikation. Almaty liegt nur 200 Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt. Und trotzdem hat sich das zentralasiatische Land vor wenigen Jahren entschieden, vom Asiatischen Fußballverband in die UEFA, den europäischen Fußballverband, zu wechseln.

 

Ein deutlicher Schritt Richtung Westen also. Und die Bevölkerung scheint diesen Schritt genauso zu wollen. Gerade die Jugend sehnt sich offenbar immer mehr nach dem westlichen Lebensstil. Und der ist – zumindest in den wenigen großen Städten im Land – schon längst angekommen. Auch in Almaty hat das weltweit erscheinende TimeOut-Magazin seinen Sitz, das alle zwei Wochen die neuesten Ausgeh-Tipps für junge Vergnügungs-Süchtige in der Stadt bereithält. Chef-Redakteur Madi Mambetov sieht hier ein großes Potential:

Ton
„Almaty ist nicht nur eine der größten Städte in Zentralasien, sondern auch am meisten entwickelt beim Thema Kunst, oder Musik, oder der Zahl der Restaurants. Hier gibt es mehr Kinos und Diskotheken als in jeder anderen Stadt in Zentralasien. Hier liegt etwas in der Luft. Die Leute verdienen Geld, und es ist viel kreatives Potential in der Stadt.“

Und kreativ, dass heißt hier vor allem: weg von traditionellen Werten, und hin zu den neuen Ideen und Einflüssen des Westens. Die junge Szene-Redakteurin Alina Mustafina von TimeOut erkennt den Wandel auch am Beispiel der Musik:

 

Ton 4
„In Zeiten der Sowjetunion haben wir nur das gehört, was uns Moskau hören lassen wollte. Russische, patriotische Lieder. Jetzt denken wir globaler, jetzt lernen wir die Club-Musik kennen, die elektronische Musik. Und natürlich vergessen wir dabei etwas unsere eigene, traditionelle Musik.“

 

Der Lebensstil in Almaty erinnert schon sehr stark an Städte wie Moskau oder Sankt Petersburg. Und die Club-Musik, gleicht sich ohnehin auf der ganzen Welt immer mehr:

 

Ton 5 
Mitten in der Woche kommt in Almatý eine ausgesuchte Party-Gemeinschaft zusammen, um ihre Art von Musik genießen zu können. Sie treffen sich in einem schick verzierten, alten Theater, um auf die neuesten R n B und Hip Hop - Stücke zu tanzen. Mitten zwischen den Tanzenden ist auch Ruslan. Der Mittdreißiger hat die Party organisiert. Und er weiß, wo Kasachstan gerade steht:

 

Ton 6
„Das ist noch nicht das Limit hier, ich will in Los Angeles Erfahrungen in der Club-Kultur sammeln und diese dann hier anwenden. Almaty liegt zwei bis drei Jahre zurück, im Vergleich zum Beispiel zu Moskau.

 

Gut aufgeschlossen hat die Millionenstadt zumindest schon bei den Mietpreisen. Eine einfache kleine Studentenwohnung in einem Plattenbau kostet um die 500 Dollar, und für eine normale Wohnung in der Innenstadt fallen schnell 2.000 Dollar Miete im Monat an. Almaty liegt damit auf Platz 30 der teuersten Städte der Welt, flankiert von Athen und Barcelona. Für die vielen Studenten in der Stadt ist das ein großes Problem. Ein Student erzählt hinter vorgehaltener Hand, dass er jeden Monat raus aufs Land fahre, zu seinen Eltern, um sich von dort einen riesigen Sack Kartoffeln mit zu bringen. Anders könne er sich das Leben in der Stadt einfach nicht leisten. Alina Mustafina vom TimeOut-Magazin kennt die Probleme:

 

Ton 7

„In kleinen Städten, sogar schon hundert Kilometer von Almaty entfernt, sieht man, wie unser Volk eigentlich lebt. Die Zustände dort sind einfach nicht gut. Die Menschen dort haben kein Geld, um sich zu amüsieren. Leute mit Geld findet man nur in der Hauptstadt Astaná, hier in Almaty, und vielleicht noch in den Städten im Westen Kasachstans, in Atyrau und Aktau, dort gibt es Öl, und dort gibt es Geld.“

 

Das große soziale Ungleich-Gewicht zwischen Stadt und Land führt in Kasachstan aber offenbar nicht zu einer Politisierung der Jugend, oder der Studenten. Bei vielen steht das eigene wirtschaftliche Vorwärtskommen im Mittelpunkt. Demonstrationen, zum Beispiel gegen die extrem hohen Studiengebühren, gibt es nicht. Und der Glaube an Parteien ist nicht sehr ausgeprägt, bei einem Parlament, in dem nur eine einzige Partei sitzt: Die vom langjährigen Präsidenten Nursultan Nasarbajew. Noch einmal Alina Mustafina:

 

Ton 8

„Politik interessiert mich nicht. Ich interessiere mich nur dafür, dass ich in einem Land lebe, dass ruhig ist, und das nicht im Krieg ist. Aber für Parteien interessiere ich mich nicht. Sie sind zu arm und zu schwach um etwas auf die Beine zu stellen. So wie die Bedingungen jetzt sind, ist es gut. Und wir brauchen jetzt keine Änderungen.“

 

Patriotismus ist bei jungen Kasachstanern, die in Städten leben, zumindest kein großes Thema. Was passieren würde, wenn das Magazin TimeOut nicht wie bisher auf russisch, sondern in der offiziellen Landessprache kasachisch erscheinen würde, will ich vom Chefredakteur Madi Mambetov wissen:

 

Ton 9

„Für mich wäre das unmöglich. Ich bin zwar selbst Kasache, aber ich habe die Sprache leider nie gelernt. Ich könnte kein Magazin herausgeben, dessen Sprache ich nicht verstehe. Ich glaube auch nicht, dass ein kasachisches TimeOut ein großer kommerzieller Erfolg wäre.“

Ähnlich wie Madi Mambetov geht es vielen der 15 Millionen Kasachstanern.
Im Fußballstadion von Almatý wird auf der großen Anzeigetafel ein neuer Text eingeblendet. Mittlerweile steht es 2:0 für Portugal. Die 20 Jahre alte Studentin Marina kann den Text nicht lesen, er ist auf kasachisch.

 

In der 84. Minute gelingt der kasachischen Nationalmannschaft dann doch noch ein Tor, zum – immerhin - 1:2 Endstand. Bei der Europameisterschaft 2008 in der Schweiz und Österreich wird Kasachstan zwar nicht dabei sein. Die Jugend des Landes ist aber dabei, langsam immer mehr Werte des Westens für sich zu entdecken.

 

Per Anhalter zur Uni – Studium in Kasachstan

Von Dorte Huneke

 

An der Uni wird er oft per Handschlag begrüßt. Die anderen Studenten wundern sich, warum ein Deutscher freiwillig nach Zentralasien kommt. Aber Philipp Jäger, 26, studiert gern in Almaty. Die kasachische Metropole widerlegt die Landei-Klischees aus dem Borat-Film.

"Ich gehe den extremen Weg", sagt Philipp Jäger, 26. Seit dem letzten September studiert er an der staatlichen Al-Farabi-Nationaluniversität in Almaty. "Ich vermeide es, allzu viel Kontakt zu anderen Westlern zu haben." Ihm ist es wichtig, die Zeit zu nutzen, "um tief in die kasachische Gesellschaft einzudringen".

 

Der Student aus Berlin wohnt in einem Vorort, bei einer kasachischen Familie. Wenn er zur Uni im Süden Almatys fahren will, stellt er sich an den Straßenrand und streckt die Hand raus. "Irgendwer hält früher oder später an", sagt er, genau wie beim Trampen. Mit dem Unterschied, dass man den Fahrer bezahlt, als sei er ein Taxifahrer. Der Fahrpreis wird individuell ausgehandelt – und man muss Glück haben, dass jemand in die gewünschte Richtung fährt.

Lange warten, bis er eine Mitfahrgelegenheit findet, muss Jäger trotzdem nie und hat auch keine Angst. "Ich habe noch nie von negativen Vorfällen gehört", sagt er. "Alle machen das so, es ist völlig normal."

 

Reguläre Taxis gibt es kaum, die Menschen regeln das Fortkommen lieber untereinander. So wie sie eigentlich alles untereinander klären. "Es gibt eindeutig einen stärker ausgeprägten Gemeinschaftssinn als bei uns", sagt Jäger. In seinen Seminaren werden Entscheidungen in der Regel in der Gruppe getroffen. "Wir Deutschen können davon noch eine Menge lernen."

Nur in der Uni vermisst Jäger die Eigeninitiative und beschreibt den Lern-Alltag so: "Den Studenten wird von den Dozenten etwas vorgesetzt – Stundenpläne, Aufgaben, Themen. Es ist alles ziemlich verschult. Es gibt auch keine Fachschaften. Wenn Veranstaltungen organisiert werden, dann geht das meist von oben aus, von offizieller Seite. Vielleicht ist das noch der sowjetische Einfluss."

 

Das Leben in Almaty, einer 1,5-Millionen-Metropole im Süden Kasachstans, ist von unterschiedlichen Einflüssen geprägt. "Frauen gibt man nicht die Hand", sagt Jäger. Das sei eine islamische Tradition. Am Kleidungsstil der meisten Frauen auf der Straße sind die islamischen Traditionen aber nicht zu erkennen. Hier spiegeln sich eher Einflüsse von MTV und Marktwirtschaft: kurze Röcke, hohe Absätze, weite Ausschnitte.

 

Was aus dem Westen kommt, ist schick. Und cool. "Alle wollen Englisch mit mir sprechen, aber ich bin hier, um Kasachisch zu lernen", so Jäger. Russisch kann er schon. Zwar kommt man in Kasachstan mit beiden Sprachen durch. Aber Kasachisch wird immer wichtiger. Auf alten Straßenschildern sind noch russische und kasachische Wörter zu lesen. Die neueren Schilder haben nur kasachische Inschriften, die ganz neuen sind auf Kasachisch und Englisch verfasst. Das führt dazu, dass auch Einheimische manchmal nichts verstehen.

 

Deutsche Musik ist in: Anfang November gab die frühere Modern-Talking-Heulboje Thomas Anders ein Konzert im Palast der Republik, der größten Halle der Stadt. Seit dem letzten Frühjahr gibt es auch einen offiziellen Tokio-Hotel-Fanclub in Almaty, mit immerhin 30 Mitgliedern. Das Goethe-Institut meldet, einige hartgesottene Fans hätten sich bereits für Deutschkurse angemeldet. Aber manche Informationen versacken auf den 5000 Kilometern zwischen Deutschland und Kasachstan:

 

Deutsche Gäste werden oft mit der nervösen Frage konfrontiert, ob Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz denn nun ein Mädchen oder ein Junge sei.

An seiner Uni ist Jäger ein Senior, seine Kommilitonen sind im Schnitt fünf Jahre jünger als er. "In Berlin bin ich mitten im Studium, hier werde ich wie ein Doktorand behandelt." Das hat seine Vorteile: Alle kümmern sich um ihn. "Ich wurde schon zu diversen Veranstaltungen an verschiedenen Hochschulen des Landes eingeladen, dort trifft man schnell wieder auf die gleichen Gesichter."

 

So lassen sich leicht Kontakte knüpfen. "Darauf ist man hier absolut angewiesen", sagt Jäger. Vor allem mit der kasachischen Verwaltung hat er negative Erfahrungen gemacht. "Für alles braucht man 1000 Unterschriften." Ein Einheimischer, der sich für einen stark mache, sei sehr hilfreich. "Wenn man den normalen Weg geht, klappt nichts."

 

Was einen Deutschen nach Zentralasien verschlägt, können viele Einheimische nicht begreifen. Die ehemalige Sowjet-Republik zählt zu den größten Ländern der Erde und erstreckt sich auf 2,7 Millionen Quadratkilometern - Deutschland passt also siebeneinhalb Mal hinein. Sie beheimatet aber nur knapp 15 Millionen Menschen. Weite Teile des Landes bestehen aus Steppe und Wüste.

"Die meisten verstehen nicht, wieso ich freiwillig hier bin", sagt Jäger. Sie glauben, er sei ein Geschäftsmann, der reist, um das große Geld zu machen. "Dass mich die Kultur und das Land interessieren, begreift keiner."

 

 

ÄLTERE BERICHTE

Im September 2006 besuchte eine Gruppe kasachischer Journalisten auf Einladung des PN Köln und Bonn und informierte sich rund um das Schwerpunktthema „Jugendsozialarbeit“. Bei den Gesprächen ging es häufig auch um Migration und wie Jugendliche damit umgehen. Hier ein Auszug aus dem Bericht „In Deutschland kriegen Verbrecher als Strafe Unterricht und Drogenabhängige spritzen sich auf Kosten des Staates“ von Madina Iskakova, erschienen am 28. Oktober 2006 in der Zeitung „Komsomol'skaja pravda Kazachstan“. Das Programm wurde gefördert aus Mitteln des Kinder- und Jugendplans des Bundes (kjp).

Shakespeare auf Deutsch

Deutschland war lange Zeit offen für alle. Und die Leute kamen in Strömen in dieses wohlhabende Land, um hier ihr Glück zu finden. Einige fanden es im Nichtstun. Weil irgendwann übermäßig viele Migranten auf soziale Leistungen angewiesen waren, errichtete das Land immer mehr bürokratische Hürden, woraufhin der Zustrom schließlich abnahm. Dennoch gibt es in Deutschland über 3 Millionen Einwanderer aus der ganzen Welt. In den letzten Jahren ist es immer schwieriger geworden, einen sicheren Aufenthaltsstatus zu bekommen. Asylbewerber aus Ländern der dritten Welt sind oft von Abschiebung bedroht. Einer der Hauptgründe ist die Unkenntnis der deutschen Sprache, denn ohne Deutschkenntnisse hat man praktisch keine Chance, eine Arbeit zu finden. Ein deutscher Arbeitgeber wird immer zuerst einen Deutschen einstellen, dann einen Europäer, danach einen Ausländer mit sicherem Aufenthaltstitel und erst zuallerletzt einen Asylbewerber.

 

So bleiben Letzteren meistens nur solche Arbeiten, die alle Höhergestellten in dieser Kette verschmähen. Aber selbst diese Arbeiten bedeuten immer noch ein Glück für die Emigranten. Für die Chance, überhaupt nur irgendetwas zu verdienen, sind viele von ihnen bereit zu arbeiten, was das Zeug hält.

 

Das Projekt „Shakespeare“ ist kein Klub für Liebhaber des englischen Dramatikers. Hier können Asylbewerber und Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus kostenlos einen Beruf erlernen. Und zuallererst Deutsch lernen. Die Organisatoren des Projekts haben einen schöpferischen Zugang zu dieser Aufgabe gefunden: Deutsch lernt man ihrer Meinung nach am besten über ... das Theater! Und so verrenken sich die Ausländer auf der Bühne des kleinen Studios die Zunge, während sie Shakespearesche Dialoge sprechen. Da hätten wir sie – die Macht der Kunst! Schon in wenigen Monaten können viele von ihnen ganz passabel Deutsch sprechen. Dann steht auch Unterrichtseinheiten im Handels- und Dienstleistungsbereich nichts mehr im Weg. Für manch einen hier ist es der sehnlichste Wunsch, Verkäufer zu werden.

 

„Ich bin seit einem guten Jahr in Deutschland“, erzählt der 21-jährige Asylbewerber Didi aus Simbabwe auf Englisch. „In meiner Heimat war das Leben sehr schwer. Das Geld reichte nicht mal für’s Essen, geschweige denn für irgendwelche Extras. Wir hätten dort nicht mehr leben können. Ich bin mit meiner Familie in der Hoffnung nach Deutschland gekommen, dass wir es hier einfacher haben werden. Im Moment leben wir von Sozialhilfe, was nicht sehr viel ist. Ich lerne im ‚Shakespeare‘-Projekt Deutsch und würde später sehr gern in einem Supermarkt arbeiten.“

Die meisten der Asylbewerber sind dunkelhäutig und kommen aus Afrika. „Na, mit der Rolle des Othello gibt’s hier jedenfalls keine Probleme“, scherzten wir.


Mit den Theaterstücken ist es den Leuten sehr ernst. Und sie willigen gern ein, die eine oder andere Szene vorzuspielen. Ich muss zugeben, dass es etwas Surreales hatte, wie da junge Afrikaner Shakespeare in deutscher Sprache vor kasachischen Journalisten aufführten. Und es hatte zugleich etwas Beklemmendes, weil wir begriffen, dass dies für die jungen Leute die einzige Chance bedeutet, in diesem so reichen und satten Land zu bleiben...

Übersetzung: Sigrun Döring

 

Alte und neue Götter in Kasachstan

Nach der Oktoberrevolution war es in der ehemaligen Sowjetunion das Praktizieren der eigenen Religion nicht mehr selbstverständlich. Kirchen wurden enteignet und oftmals umgenutzt, mitunter auch abgerissen. Lenins Verdikt von der Religion als Opium für das Volk, hatte vor allem unter Stalin eine blutige Spur durch das gesamte Sowjetreich gezogen. Erst unter Gorbatschows Perestroika führte die neu gewonnene Religionsfreiheit zu einer langsamen Rückorientierung auf die alten Werte. So auch in der zentralasiatischen Republik Kasachstan. Heute werden hier viele neue Kirchen gebaut, im Süden von Kasachstan aber vor allem auch Moscheen.

 

Freitagsgebet in der Aulie Atta Moschee in Taraz. Etwa 4000 Gläubige kommen jeden Freitag in die Hauptmoschee der Stadt. Auffällig ist dabei auch die große Zahl der Jugendlichen unter den Gläubigen. Der Imam von Taraz Bekbolat Viktoruly erklärt „vor zehn, fünfzehn Jahren kamen noch überwiegend ältere Menschen in die Moschee, aber das hat sich geändert, jetzt kommen immer mehr Jugendliche. Ich denke der Jugend fehlt es an kultureller und religiöser Identität. Sie suchen danach und im Islam können sie diese Identität finden.“

 

20 Moscheen gibt es bereits in Taraz. Die Stadt im Süden Kasachstans hat etwa 350.000 Einwohner. Ein halbes Dutzend neuer Moscheen wird gerade gebaut. Im Süden Kasachstans ist der Islam die Religion Nummer eins. Auch im Straßenbild der südkasachischen Städte hat sich dadurch in den letzten Jahren viel geändert. Eine Wandlung die den Regierenden Kasachstans in der fernen Hauptstadt Astana nicht entgangen ist. Manche religiöse Entwicklung wird heute in Astana mit Sorgen betrachtet. So auch im Bildungsministerium, wie der der zuständige Departmentdirektor für Jugendangelegenheiten Sultan Abildain erklärt. „Vor fünf bis sechs Jahren konnte man in den Straßen von Taraz noch keine muslimische Frau mit Kopftuch antreffen, heute dagegen sieht man Frauen mit Kopftuch auf Schritt und Tritt. Es gibt mittlerweile sicher auch eine reale Gefahr des Islamismus, obwohl viel für die Toleranz getan wird, so wie in der Hauptstadt Astana, wo neben dem Präsidentenpalast das Friedensschloss steht, ein Ort an dem alle Religionen gemeinsam beten können.“

 

Die staatlich kontrollierte Religionsfreiheit kommt auch der Katholischen Kirche zu Gute. Die Katholiken bleiben jedoch eine kleine Minderheit in Kasachstan. Von 16 Millionen Einwohnern sind etwa 250.000 katholisch. Dem Islam gehören offiziell fast 8 Millionen Einwohner an, weitere 7 Millionen sind russisch-orthodox. Offizielle Zahlen die jedoch über den praktizierten Glauben nur wenig aussagen. Bei den meisten Christen wie auch Moslems handelt es sich um eine sogenannte Brauchtumsreligion.

 

Und auch wenn Religionsgemeinschaften und Sekten im postsowjetischen Kasachstan regen Zulauf haben, die Öffnung hin zum Westen hat längst neue Götter hervorgerufen. Die Jugend Kasachstans träumt von MTV, Hollywood und der Wall Street, so auch die 19 jährige Studentin Dinara Medjanowa. „Als ich noch jünger war, hab ich davon geträumt Botschafterin für mein Land zu werden. Seit ich Wirtschaft studiere, träume ich von der Börse, die Businesswelt fasziniert mich. Vor allem träume ich von der Wall Street in New York und ich würde sehr gerne dabei helfen, dass auch in Kasachstan eine solche Börse entsteht, denn die Börse in Kasachstan ist noch nicht so weit , aber es fängt an damit.“

 

Mit siebzehn Jahren ging Dinara zum Studium in die Vereinigten Staaten. Zurück an ihrer Universität in Taraz, wurde ihr klar, wie sehr sie sich verändert hatte. Heute träumt sie von Karriere, Freiheit und Demokratie. Religion hat da nur noch wenig Platz. Obwohl sich Dinara als Muslima bezeichnet, hat sie noch nie ein Kopftuch getragen, und eine Moschee kennt sie nur von Außen.

 

Daniel Knopp (2005)