Erfahrungsberichte aus Reisen in die Niederlande

Medienkompetenz ernst genommen - Bericht zur Reise nach Den Haag und Hilversum 2017

In den Niederlande wird Medienkompetenz ganz groß geschrieben. Dort sorgt einmal jährlich eine Aktionswoche zu dem Thema für Aufsehen

Plakat zur Woche der Medienkompetenz (Foto: Frank Hartung)
Plakat zur Woche der Medienkompetenz (Foto: Frank Hartung)

In den Niederlande wird Medienkompetenz ganz groß geschrieben. Dort sorgt einmal jährlich eine Aktionswoche zu dem Thema für Aufsehen

Digitaler Wandel, Medienkompetenz … man konnte es kaum noch hören, als sich die Politiker aller Parteien im Bundestagswahlkampf zu dem Thema gegenseitig übertrumpfen wollten. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt: Ja, das Thema kann gar nicht intensiv genug bearbeitet werden – aber wo waren die Volksvertreter in den letzten Jahren, wo allen längst klar sein musste, dass kein Weg vorbei führt am digitalen Fortschritt? Eine Gruppe interessierter Journalisten und Fachkräfte der Jugendhilfe aus dem Pressenetzwerk für Jugendthemen (PNJ) reiste kürzlich über die Grenze in die Niederlande. Da wird alljährlich die „Woche der Medienkompetenz“ organisiert, und die Experten wollten sich Anregung für ihre eigene Arbeit holen.

Das Thema Medienkompetenz ist genau wie in Deutschland ein zentrales Anliegen der Jugend- und bei der Bildungspolitik der Niederlande. Der Vorteil dort: Es gibt zwar auch unterschiedliche Provinzen – ähnlich strukturiert wie die deutschen Bundesländer – aber nur eine nationale Bildungspolitik. In Deutschland sind es 16 unterschiedliche Bildungspolitiken. Und: Anders als in Deutschland haben die niederländischen Politiker die Tiefe der Bedeutung der Medienkompetenz schon seit vielen Jahren erkannt und daraus Konsequenzen gezogen. Digitalisierung wird nicht als bevorstehende Revolution analysiert sondern als ein schon längst stattfindender Prozess, den Staat, Gesellschaft, Bürger und Institutionen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln umsetzen und mit begleiten müssen. „Niemand darf dabei auf der Strecke bleiben!“, sagte eine Gesprächspartnerin und meinte das durchaus wörtlich. Selbst die „bildungsfernen Schichten“, von denen man in Deutschland schon froh ist, wenn ihre Kinder überhaupt den Weg in die Schule finden, werden in den Niederlande in die Digitalisierungsentwicklung eingebunden. Ein Beispiel: 99,8 Prozent der Niederländer haben dauerhaften Zugang zum Internet. In Deutschland sind es ca. 80 Prozent.

Eine Woche rund um Medienkompetenz

Die Woche der Medienkompetenz, die es weder in dieser noch in irgend einer vergleichbaren bundes- oder landesweiten Aktion gibt, greift auf viele gesellschaftliche Gruppen zu und macht sie mit den Angeboten und Notwendigkeiten der Digitalisierung vertraut. Über die zentrale Website www.weekvandemediawijsheid.nl laufen alle Informationen zusammen. Hier erhalten Lehrer Material und Tipps für einen spannenden Unterricht, Bibliotheken – die in den Niederlande überhaupt eine wichtige Rolle bei der Medienkompetenz spielen – bekommen Tipps und Anregungen für Veranstaltung, es finden sich Programmhinweise etc. Ebenfalls über die genannte Seite können Schulklassen „Mediamasters“ spielen, in dem sie klassenweise und teilweise auch einzeln im Klassenverband oder mit den Eltern in Rollenspielen Aufgaben lösen. Auch Fernsehen und Rundfunk greifen die Woche auf, es finden Debatten mit bekannten Persönlichkeiten aus Politik und Medien statt. Die Rolle von Sozialen Netzwerken und die Verantwortung der Eltern für das Medienverhalten ihrer Kinder wird zum omnipräsenten Thema. Überall im Land finden Ausstellungen und Workshops beispielsweise zum Games Design oder über Virtual Reality statt. Kurz: Medienkompetenz wird eine Woche lang zu einem gesellschaftlichen Thema, das lange nachwirkt und seine Spuren in den Köpfen der Menschen hinterlässt.

Halten wir kurz inne und überlegen uns, wann wir das letzte Mal eine gesamtgesellschaftliche Debatte über Medienkompetenz in Deutschland geführt haben …

 

Heide Goris (Foto: Jörg Wild)
Heide Goris (Foto: Jörg Wild)

In den Niederlande bricht sich im Rahmen Mediendebatte 2017die Frage ihren Weg in die gesellschaftliche Diskussion: Wie erkenne ich Fake-News, und wie kann ich mich und mein kritisches Bewusstsein schärfen, um bewusst falsche Nachrichten von richtigen Nachrichten zu unterscheiden. Hier sind sich die deutschen Gäste vom Pressenetzwerk für Jugendthemen und ihre niederländischen Gesprächspartner einig: Wer weiß, wie Nachrichten entstehen, kann auch kritisch und bewusst mit dem Thema umgehen. Oft hilft auch schon kritisches Hinterfragen oder ein einfacher Faktencheck über eine Suchmaschine.

Dies ist der richtige Moment für eine kritische Anmerkung, denn auch in den Niederlande gibt es noch viel zu tun. Ein Analyse von Mediatrendes hat ergeben, dass selbst hier die „digital natives“ – also die in den 1990er und 2000er Jahren geborenen -  zu einem erschreckend hohen Teil nicht in der Lage sind, zielorientiert zu „googlen“: Oft sind die Fragen so ausführlich formuliert, dass sie zu  ganz anderen und damit verfälschten Antworten führen, als würden sie mit wenigen aussagekräftigen Stichworten formuliert. Hier sind also vor allem neue Bildungswege für die bildungsfernen Schichen gefragt, damit sie in digitalisierten Welt nicht vollends den Anschluss an die Wissensgesellschaft verlieren. Auch an diesem Bild zeigt sich, dass Medienkompetenz zu einem großen Teil von den Fähigkeiten der Eltern abhängt. Die Erkenntnis, dass Schule und Bildungsprogramme nicht alle Wissensgebiete abdecken können, bewahrheitet sich erneut. Viel Aufklärungsarbeit ist nötig – in vielen gesellschaftlichen Aspekten.

Was allerdings die gesellschaftlichen und staatlichen Vorleistungen für eine solide Digitalisierungsausbildung angeht, stellen die Niederlande die Bundesrepublik weit in den Schatten. Kaum ein Ort, an dem nicht freier Internetzugang möglich gewesen wäre. Unterricht findet heute in vielen Bereichen via Handy statt, Smartphones und Tablets sind fester Bestandteil der Ausrüstung von Schülern.

Und: Ab 2018 wird Medienkompetenz Pflichtfach in allen niederländischen Schulen. Wichtige Aspekte – je nach Alter und Schultyp – sind dann „verstehen“, „Nutzung“, „Kommunikation“ (beispielsweise in sozialen Netzwerken aber auch Integration in die Arbeit), „Strategie“ sowie „Reflexion“ beispielsweise der Eigennutzung und der Erwartung an die Mediennutzung.

Beeld en Geluid in Hilversum (Foto: Wikipedia)
Beeld en Geluid in Hilversum (Foto: Wikipedia)

Im Herz der Medienweisheit

„Nächster Halt Mediazentrum Hilversum“ schallt es aus dem Zuglautsprecher. Naja, das Land ist klein, was soll da schon sein … Die deutsche Überheblichkeit erhält schnell einen Dämpfer. An der modernen Bahnstation kann man sich schnell verirren zwischen Fernseh- und Rundfunksendern, Kompetenzzentren, Verlagen und anderen Einrichtungen, die in riesigen Gebäuden das Gelände prägen und eine ganze Bahnstation durchaus rechtfertigen. Das Gebäude von „Beeld en Geluid“ (Bild und Ton) ist allerdings kaum zu verfehlen. 8 Stockwerke des Glaspalastes sind mit farbigen Fenstern dekoriert – hier geht es weithin sichtbar um die bunte Vielfalt der Medien in den Niederlande. Das riesige Gebäude beherbergt denn auch eine gigantische Digitale Bibliothek, in der so viele Filme und Sendungen wie möglich gespeichert werden. Es ist aber auch ein Haus, in dem in wenigen Tagen eine landesweit sehnlichst erwartete Radiosendung die Top-2000 der Lieblingssongs der Niederländer laufen soll. Alle Bürger durften abstimmen, demnächst spielt ein Sender die 2000 Hits dem Ranking entsprechend herunter. Wer wird gewinnen? Das Land fiebert auf die Antwort.

Beeld en Geluid beherbergt aber auch etliche Einrichtungen wie das landesweit geachtete Medienkompetenzzentrum Mediawijzer.  2008 ist das Zentrum gegründet worden, zunächst um 8- bis 14-Jährige für Medienarbeit zu sensibilisieren. Schnell wurde klar, dass die digitale Revolution ihren Tribut fordert: Mit heute 12.000 Partnern hat Mediawijzer ein Netzwerk errichtet, das Sozialarbeiter, Schulen, Kindergärten, Bibliotheken und viele andere Einrichtungen umfasst. Auf seiner Website spricht Mediawijzer Fachkräfte und die Öffentlichkeit mit unterschiedlichen Themen an. Eine der zentralen Aufgaben ist die Ausrichtung der „Woche der Medienkompetenz“ sowie das online-Spiel für Jugendliche „Mediamasters“. Mit ihrer Website hat das Zentrum aber auch eine Plattform für Informationen über Fördermöglichkeiten aufgebaut.

Besonders während der Woche der Medienkompetenz steigert Mediawijzer den Traffic auf seiner Seite um ein Vielfaches. Über 6.000 Klassen im ganzen Land nehmen an den vielfältigen Programmen teil, Mediamasters wird ein fester Bestandteil des Unterrichts.

Damit will sich Mediawijzer aber nicht zufrieden geben. Gemeinsam mit dem finanzierenden Bildungsministerium hat die Organisation einen Zukunftsplan entwickelt, der unter anderem das ganz große Ziel verfolgt: Bis zum Jahr 2025 sollen alle Niederländer ausreichende Medienkompetenz nachweisen können. Wissenschaftliche Beiräte arbeiten daran, diese Ziele auch für bildungsferne Schichten in geeignete Programme umzusetzen.

 „Natürlich leben auch wir hier den Niederlanden viel zu sehr in unseren Bubbles“, erklärt die Referentin Heide Goris. „Bubbles“, das sind die wissenschaftlich definierten Blasen, in denen wir alle – egal welcher Bildungsschicht wir angehören – uns gerne bewegen. Es sind die Zeitungen, Zeitschriften, Webseiten und sozial-Media-Foren, die unsere Meinung widerspiegeln, und in denen wir unsere Meinungen bestätigt sehen. Es gibt zwar inzwischen auch Untersuchungen und soziologische Theorien, die die Existenz von geschlossenen Bubbles in offenen Gesellschaften in Frage stellen, aber natürlich: Wer lässt nicht gerne seine Identität durch die Gemeinschaft bestätigen. Mediawijzer will die Blasen aufweichen und den Menschen den Blick in die Weite der Medienwelt öffnen.

 

Plakat zur Fake-News-Ausstellung bei Beeld en Geluid (Foto: Jörg Wild)
Plakat zur Fake-News-Ausstellung bei Beeld en Geluid (Foto: Jörg Wild)

„Immerhin 20 Prozent der Niederländer weisen eklatante Bildungslücken in ihren digitalen Fähigkeiten auf“, sagt Goris und belegt damit die Notwendigkeit der Existenz ihrer Einrichtung. „Besonders Jugendliche überschätzen ihre Medienkompetenz“, erklärt die Referentin und weist auf die gemeinsame Verantwortung von Eltern und  Erziehern. „Vielen jungen Menschen fehlt beispielsweise vollkommen der Bezug zur regulären analogen Kultur wie Büchern.“

Die Flut an Aktivitäten der Aktionswoche, die die ganze Gesellschaft erreichen, sitzt noch tief in den Köpfen der PNJ-Reiseteilnehmer, als sie den Rest des Gebäudes von Beeld an Geluid durchstreifen. Da gibt es eine gigantisch große interaktive Ausstellung, die für Schulklassen so geeignet ist wie für Familienausflüge. Auf mehreren Etagen haben alle Altersklassen Gelegenheit zu sehen, wie eine Radiosendung entsteht, wie sich Medien entwickeln, was Kommunikation eigentlich bedeutet – dass Medien so unendlich viel mehr sind als das Wischen auf einem Smartphone.

Live auf Den Haag FM 92.0

Szenenwechsel nach Den Haag in die städtische Bibliothek. Es ist ein lichtdurchflutetes Gebäude mitten in der Stadt. Auch hier wird schnell wieder klar, wie ernst es den Niederländern mit ihrer Woche der Medienkompetenz ist. Bibliotheksleiter ist Ed Hofschreuder, der viel Wert darauf legt, dass in seiner Einrichtung Medienkompetenz zu einem festen Bestandteil wird. Viele Bildschirmarbeitsplätze machen deutlich, dass hier mehr passiert als die Ausleihe von Büchern, CDs und Video-DVDs. Spätestens seit der verpflichtenden Einführung von digitalen Steuerklärungen für alle Niederländer haben Bibliotheken eine neue Marktlücke entdeckt. Nicht als Steuerberater sondern als Orte, an denen auch Menschen ohne PC und Laptop freien Zugang zum Internet finden können – bis abends um 22 Uhr ist das in der Bibliothek von Den Haag möglich. „Wir gewinnen so ganz neue Klienten hier für die Bibliothek“, erklärt Hofschreuder.

Radiosendung in der Bibliothek von Den Haag (Foto: Jörg Wild)
Radiosendung in der Bibliothek von Den Haag (Foto: Jörg Wild)

An diesem Abend geht es aber um noch etwas anderes: Der renommierte Radiosender Den Haag FM 92.0 hat eine viel geklickte Youtuberin, eine beliebte Soap-Darstellerin und mehrere Kinder-Blogger zu einer öffentlichen Sendung eingeladen. Knapp 100 Leute belagern den großen Saal von Studio B, für die Kinder steht Pizza bereit, die Eltern dürfen sich Cola oder auch ein Glas Wein nehmen. Radio zum Anfassen und das in Gegenwart von Promis, die sich für die Woche der Medienkompetenz einsetzen. Diese Form von Radiosendungen gibt es seit einiger Zeit wöchentlich aus dem Studio B, meist sind Buchautoren oder bekannte Persönlichkeiten zu Gast. Jetzt aber, im Zeichen der Medienkompetenz, geht die ganze Veranstaltung noch multimedialer über die Bühne. Denn natürlich wird die Sendung auch über drei fest installierte Kameras aufgezeichnet und  über den Livestream der Bibliothek versendet. Und damit alle Bürger in Zeiten des zeitversetzten Medienkonsums darauf Zugriff haben, stellt Hofschreuder den Videobeitrag später auf Youtube. Schöne neue Medienwelt – es kann so einfach sein, wenn alle ihren Beitrag dazu leisten.

Für die Deomokratie: Besuch bei ProDemos

Was in Deutschland die Bundeszentrale für politische Bildung ist, das nennt sich in den Niederlande ProDemos. Allerdings wird hier die Bedeutung der politischen Bildung größer geschrieben als in Deutschland. Das zeigt schon die Nähe zur Macht, die durchaus wörtlich zu nehmen ist. Wand an Wand mit dem Senat – der ersten Kammer des niederländischen Parlaments – residiert ProDemos auf fünf Stockwerken. Und anders als in der ehrwürdigen Bundeszentrale, wo sich beamtengleiche Damen und Herren um möglichst ausgewogenes Informationsmaterial bemühen, das den Schülern des Landes auf dem Pult landet, bietet ProDemos zwar auch dies aber eben auch Demokratie zum Mitmachen.

In multimedial ausgestatteten Räumen gelangen ganze Schulklassen in unterschiedliche Szenarien, die ihnen klar machen: So einfach ist es gar nicht, ein Land zu regieren. Da werden sie beispielsweise gleich zu Beginn in einem abgeschotteten Raum via Fernsehbeiträgen mit einer rasend schnell um sich greifenden Hühnersuche konfrontiert. Bauern werden interviewt, besorgte Mütter mit Kindern äußern sich und Schüler, denen das Ganze nicht so wichtig erscheint. Doch in den folgenden Räumen müssen sich die Jugendlichen intensiver mit den Themen auseinander setzen, sie schlüpfen in verschiedene Rollen, müssen ihre Entscheidungen rechtfertigen und am Ende in einer Zusammenschau aller Gruppenprozesse erkennen, dass es mehrere Wahrheiten gibt. Decision-making Live.

Interaktives Demokratie-Lernen bei ProDemos (Foto: Jörg Wild)
Interaktives Demokratie-Lernen bei ProDemos (Foto: Jörg Wild)

Auf anderen Ebenen lernen die Jugendliche mehr über das politische System, sie können immer wieder selbst zu bestimmten Themen abstimmen, interaktiv in Prozesse eingreifen und einmal sogar in einer moderierten Parlamentssitzung ein Szenario des Politikbetriebs durchspielen.

Damit ist ProDemos eine lebendige und sehr anschauliche Einrichtung, die vor allem eines im Sinn hat: Die Kinder der Niederlande mit dem politischen und gesellschaftliche System des Staates vertraut zu machen, ihnen die Vielschichtigkeit der Gesellschaft und auch ihrer historischen Verantwortungen klar zu machen, und sie in die Freuden der Entscheidungsfindung einzubinden.

Dass all diese Prozesse multimedial stattfinden, und dass sie dabei auch immer mal wieder ihre Handys zücken müssen, versteht sich von allein. Es ist ja die Medienkompetenz, die eines der großen Bildungsziele des Landes darstellt.

Jörg Wild