Erfahrungsberichte Russland

Sonderheft "Connecting Youth Media" 
Im Dezember 2010 haben wir ein Sonderheft unseres Magazins "Connecting Youth Media" heraus gegeben, in dem einige Berichte aus zurück liegenden PNJ-Programmen in Moskau zusammen gestellt sind.

 

Rechercheworshop mit Blog
Im Jahr 2009 haben wir mit unseren russischen Partnern einen bilateralen Rechercheworkshop durchgeführt: deutsche und russische KollegInnen recherchierten gemeinsam zu interessanten Jugendthemen in Moskau und in Berlin. Die Ergebnisse stellte Tine Roskopf im Blog "Berlin meets Moscow" online.

 

Oktober 2008: Sechs deutsche JournalistInnen und FAchkräfte der Jugendhilfe besuchen Moskau um der Frage nach zu gehen: Wie beteiligen sich russische Jugendliche am politischen und sozialen System ihres Landes? Wird "Partizipation" in Russland so groß geschrieben wie in Deutschland? Hier einige der Berichte, die nach der Reise entstanden.

Jugend und Politik in Russland
Radiobeitrag für die Deutsche Welle von Klaus Jansen

2009 steht in Russland unter dem Motto „Jahr der Jugend“. Das Ziel des zuständigen Organisations-Komitees ist es dabei, so heißt es in der Erklärung, die Entwicklung des kreativen, wissenschaftlichen und beruflichen Potentials der Jugend im Land zu fördern. Die Jugendlichen sollen aktiv einbezogen werden in die Formierung sozialwirtschaftlicher Strukturen, ihnen soll das Gefühl der bürgerlichen Verantwortung und Vaterlandsliebe vermittelt werden. Soweit der Plan. Wie geht es der Jugend in Russland, und welches Interesse oder auch welche Chancen hat sie überhaupt, aktiv am gesellschaftlichen und politischen Leben Teil zu haben? Klaus Jansen hat Jugendliche und Verantwortliche in Moskau dazu befragt.

Was tut Russland für die eigene Jugend? Das dürfte vor allem das Jugendministerium wissen, aber das ist gar nicht so leicht aufzuspüren: In den vergangenen 17 Jahren hat es immer wieder seine Adresse geändert, war mal diesem, mal jenem Ministerium oder Ausschuss zugeschlagen worden. Jetzt ist es seit Kurzem Teil des Sport- und Touristik-Ministeriums, und Oleg Rozshnov, der stellvertretende Leiter der Behörde, zeigt sich trotz einer eher dünnen Finanzierung doch optimistisch, für das gesamte Land:  „Es ist auf jeden Fall wichtig, dass wir einige Jugendprobleme über die entsprechenden Regionen sammeln. Nicht nur die Frage also, wie viele Jugendliche es gibt, sondern auch Jugendkrankheiten, die Jugendsterblichkeit und so weiter. Diese Daten geben wir weiter an die Regionalgremien, damit sie verstehen, dass Jugendpolitik nicht nur heißt, einmal pro Jahr ein großes Konzert stattfinden zu lassen, wo die Jugendlichen dann ausgelassen feiern können, sondern mehr: nämlich eine tagtägliche Arbeit, damit sich die Jugendlichen wohl fühlen in ihrer Region, in ihrer Heimat.“

Der Apell, der in Russland in diesem „Jahr der Jugend“ immer wieder an die Heranwachsenden heran getragen wird, lautet: „Selbst mit anpacken!“. Aber wo, und wie? Zum Beispiel im Moskauer   Jugend-Parlament. In diesem Parlament sind die

 

  Jugend-Fraktionen der bekannten russischen Parteien  

  vertreten, allen voran „Einiges Russland“, die Partei von

  Medwedev und Putin, aber auch die Kommunisten, oder die

  liberale Jabloko-Partei. Die Entscheidungen, die hier fallen,

  sind aber allenfalls Empfehlungen, die von der Politik

  aufgenommen werden können, aber nicht müssen. Der

  Vorsitzende des Moskauer Jugend-Parlaments, Alexander

  Bugayev, glaubt nicht, dass die Jugend in Moskau sich

 

besonders für Politik interessiert: "Ich selbst bin auch Lehrer an einer Moskauer Uni. Ich

unterrichte Maschinenbau, was eigentlich nichts mit Politik zu tun hat. Und von 100 Jugendlichen dort interessieren sich vielleicht 15 Personen richtig für Politik. Also, ich habe in meinen Vorlesungen viele Leute, die nichts mit Politik zu tun haben oder zu tun haben wollen.“ Aktiv am politischen Geschehen beteiligen würden sich sogar noch weit weniger Jugendliche, meint Bugayev. 


Einfach auf den Staat verlassen dürften sich die jungen Menschen aber keinesfalls: „Es hängt ganz von den Jugendlichen selbst ab, was weiter geschehen wird. Es liegt schon in ihrer eigenen Verantwortung. Wenn sie gut genug arbeiten, dann wird es auch weiterhin Angebote für Jugendliche geben. Natürlich muss der Staat etwas unternehmen, nicht nur dieses Jugendparlament hier, es gibt auch viele andere Organisationen in Moskau, aber je nachdem wie die Jugendlichen damit umgehen, wird es auch mehr oder weniger solcher Organisationen geben, oder eben auch nicht.“

„Selbst mit anpacken“, ist also wieder die Devise, auf Moskaus Straßen ist von einem solchen Engagement aber nichts zu spüren. Auf einer Bank in einem Park in der Innenstadt sitzen im Halbdunkeln einige Gothic-Mädchen. Schwarz gekleidet und stark geschminkt trinken sie dort ein Dosenbier nach dem anderen. Das ist eigentlich in der Öffentlichkeit verboten, aber in dieser Ecke vom Park kommen normalerweise keine Polizisten vorbei. Politik würde sie nur dann interessieren, wenn sie unmittelbar betroffen wären, meint die 18-jährige Ira. Ansonsten hat sie weitgehend resigniert: "Bei uns funktioniert alles an der Demokratie vorbei. Man sagt uns zwar, dass das Volk die Macht hat, aber in Wirklichkeit geht alles gesetzlos zu. Es ist halt alles an der Demokratie vorbei."

Aber man muss kein Teil irgendeiner Subkultur sein, um sich in Russland nicht für Politik zu interessieren. Der erfolgreiche Manager-Nachwuchs kümmert sich offenbar lieber um die eigene Karriere, als um komplizierte politische Sachverhalte: „Zuhause schaue ich noch nicht mal Fernsehen, nach meiner Arbeit bin ich einfach zu müde dazu. Vielleicht ist das ein bisschen egoistisch von mir, dass ich mir die Nachrichten nicht ansehe, und dass ich mich nicht an der Politik meines Landes beteilige.“ Sagt Denis, er ist 18 Jahre alt, arbeitet am Moskauer Flughafen Domodedovo oft bis zu 12 Stunden am Tag, und studiert nebenbei weiter an der Universität. Der Tag ist so auch ohne Politik schnell ausgefüllt. 

Dabei gibt es eigentlich genügend dringende Themen, die die Jugendlichen interessieren könnten: Die Jugendarbeitslosigkeit, der alarmierende Alkohol- und Drogenkonsum, die Kinder- und Jugendkriminalität, mit immer jüngeren und brutaleren Tätern. Und auch die hohen Studiengebühren, die für viele ein großes Problem sind. 

Die Schwerpunkte der russischen Politik liegen aber nach wie vor woanders, die Probleme der Jugend sind offenbar noch nicht in den führenden Köpfen des Landes angekommen. Sergej  Mironov, der Vorsitzende des Föderationsrates der Russischen Föderation, wollte auf Nachfrage unlängst zumindest nichts von den Problemen armer Jugendlicher bei der Studienplatz-Suche wissen: „Wenn man bei uns über arme Menschen spricht, dann geht es um Pensionäre oder Veteranen - die jungen Leute finden sich schon zurecht, machen ihren Weg, bekommen eine gute Ausbildung, eine gute Arbeit. Der jungen Generation geht es noch weit besser als der älteren."

Bleibt abzuwarten, was das ausgerufene „Jahr der Jugend“ 2009 in Russland also tatsächlich verändern kann, und wie ernst die Politik das Thema nicht nur in diesem, sondern auch in den folgenden Jahren nehmen wird.

Partizipation von russischen Jugendlichen an Medien
Von Eva Bürgermeister 

Der folgende Bericht erhebt nicht den Anspruch, die Medienwirklichkeit in Russland umfassend wieder zu geben. Er dokumentiert persönlich gewonnene Eindrücke, die in Begegnungen mit im Kinder- und Jugendmedienbereich tätigen Studenten, Pädagogen und professionellen Filmschaffenden gewonnen wurden. Was jedoch wiederum nicht ausschließt, dass viele der persönlichen Erfahrungen, die in den Interviews zur Sprache kamen, auch verallgemeinerbar sind. 

Globaler Markt
Auf der Suche nach Parallelen und Unterschieden in den Methoden und Angeboten, mit denen Jugendliche aufgefordert werden, am sozialen und politischen Leben ihres Landes teilzunehmen, stößt man zuerst einmal auf eine globale Gemeinsamkeit: die Interessen des Weltmarktes an einer national übergreifenden konsumorientierten Jugendkultur. Wollen alle dasselbe, kann effizienter produziert werden. 

Trotzdem scheint es nicht zulässig, von einer globalen Jugend zu sprechen, da die Ausgangsbedingungen in den Ländern zu unterschiedlich sind. In Russland ist die globale Medien- und Internetwirklichkeit noch nicht so ganz angekommen, was sicherlich an der Größe des Landes liegt und natürlich auch an der Umbruchsituation nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Es gibt Nachholbedarf. So erzählte Eugen aus Barynol in Sibirien, einer der jungen Interviewpartner, der auch einige Zeit in Deutschland gelebt hat, dass z.B. wer kein Handy hat, nicht dazu gehört, nicht cool ist. Ist es in Deutschland normaler Standard, ein Handy zu besitzen, so gehört es in Russland noch „zum Marketing, um das persönliche Image zu stärken“, wie er es nannte. Die Gebühren sind allerdings wesentlich günstiger als in Deutschland, was dem geringeren Grundeinkommen der russischen Bevölkerung geschuldet ist.

Computerspiele
Mit die verbreitetste globale Einnahmequelle sind sicherlich die Computerspiele. Eugen berichtete, er sei überrascht gewesen, im Fernsehen einen Beitrag über die Abhängigkeit vieler Jugendlicher von diesen Spielen gesehen zu haben. Es ging sogar darum, dass ein Jugendlicher in einen Cafe´ einen anderen getötet habe, nur weil der ihm in „World of Warcraft“ein Schwert gestohlen hat. Er war deshalb überrascht, weil die Problematik, dass virtuelle Probleme zur blutigen „Realität“ werden können, in Russland noch kaum in der Öffentlichkeit angesprochen wird. Es wird zwar partiell über deren Suchtcharakter in den Medien diskutiert, aber da es noch keinen offiziellen Jugendschutz gibt (ausgenommen Alkohol), fehlt eine wichtige Instanz, die das Thema immer wieder in die Öffentlichkeit bringt und auf die Gefahren hinweist.

In Russland gibt es ähnlich wie in Asien einen großen Markt für illegale Computerspiele, d.h. für Spiele, die weit unter dem normalen Preis gehandelt werden, weil es Raubkopien sind. Man bekommt alle angesagten Spiele, die momentan auf dem Weltmarkt sind. Allerdings mit schlecht ins Russische übersetzten Spielanleitungen oder gar keinen oder den englischen Ausgangsversionen. Es gibt wohl auch russische Computerspiele, die jedoch in den Regalen stehen bleiben, weil die Geschichten langweilig, unattraktiv und die optische Qualität gering seien. 

Die geringe Präsenz der Computerproblematik in der medialen Öffentlichkeit liegt natürlich auch daran, dass die technischen Voraussetzungen für moderne Internetanschlüsse in diesem großen Land noch nicht komplett geschaffen sind. Flatrates und DSL-Anschlüsse z.B. sind in Moskau und einigen anderen großen Städten schon relativ verbreitet, aber noch nicht in vielen Haushalten in den eher ländlichen Gegenden: In der technischen Verbreitung herrscht n Russland ein extremes Stadt/Land-Gefälle.

Schule und Internet
Das betrifft auch die Schulen. Oxana aus Novosibirsk erzählte, dass es an der Schule, an der sie war, nur zwei Computer gab, mit denen man ins Internet gehen konnte. Aber aus Angst vor Viren und dass die Computer überhaupt kaputt gehen könnten und es keine neuen gibt, weil kein Geld da ist, durften nur wenige sie benutzen. So steht an vielen Schulen bisher noch die Zeitung im Mittelpunkt. Jede Schule ist aufgefordert, ein Pressezentrum mit den Schülern einzurichten und eine Zeitung zu veröffentlichen. Für diese Zeitungen werden dann im ganzen Land Wettbewerbe ausgeschrieben. Im Gegensatz dazu ist an deutschen Schulen mittlerweile das Internet und eine gute Homepage fast das wichtigere Thema. 

Aber mit den wenigen vorhandenen Computern geht es in Russland hauptsächlich noch um die Vermittlung von Anwendungswissen. Doch gibt es auch hier mittlerweile ein staatliches Programm für mehr Computer und Internetanschlüsse an den Schulen. Aber es ist natürlich kein Wunder, dass der Bedarf an medienpädagogisch orientiertem Unterricht, der den Schülern helfen könnte, nicht nur rezeptiv mit dem Medium Internet umzugehen, sondern gezielt zu suchen und auch selbst zu gestalten (Stichwort Medienkompetenz) noch nicht so ausgeprägt ist. 

Die Interviewpartner beklagten auch die nicht vorhandene Chancengleichheit im russischen Bildungswesen. Zum einen gibt es Privatschulen, „da kommt man nur mit Connections rein, oder reiche Kinder, oder wirklich nur richtig begabte Kinder“ und zum anderen dominiert auch im Bildungsbereich das Stadt/Land-Gefälle: „Jemand, der aus einem Dorf kommt, der weiß nur halb so viel wie jemand, der aus einer Stadt kommt, “ schätzt Eugen.

Fernsehen
Das Stadt/Land-Gefälle ist ein zentrales Thema dieses großen Landes. Das Fernsehen reiht sich da ein: Gibt es in Moskau 30 Kanäle, so kann man z.B. in der Gegend von Novosibirsk gerade mal drei oder vier Programme empfangen. Natürlich gibt es auch Satellitenschüsseln, aber die kann sich noch nicht jeder leisten. Durch eine starke Zentrierung auf die Hauptstadt Moskau haben lokale Themen wenig Raum in der Berichterstattung. Auch kritisieren die Interviewpartner die journalistische Einseitigkeit der politischen Sendungen und Nachrichten. Es gibt kaum nur einmal in der Woche Hintergrundberichte, Reportagen und Kommentare, die über eine bloß affirmative Darstellung der Politik von Putin und Medwedew hinaus gehen. 

In den drei oder vier Programmen, die im ganzen Land zu empfangen sind, gibt es nur eine Kindersendung, die heißt Bibigon, ist eine Unterhaltungssendung für Kinder und relativ neu im Programm. Oxana erzählte im Interview, sie habe eine Jugendsendung beim Fernsehsender Kanal 21 in Novosibirsk geleitet, die so gut wie gar nicht finanziert wurde, sondern ausschließlich durch das persönliche Interesse der Jugendlichen existieren konnte: keine Sponsoren, keine Unterstützung von öffentlichen Institutionen. Die Sendung wurde eingestellt, weil die Zeit effektiver für Werbung genutzt werden konnte, wie es hieß. Das passiert wohl nicht so selten. 

Es gibt Kaufprogramme, sehr viel amerikanische Serien, aber kaum Eigenproduktionen für das Kinder- und Jugendprogramm. Der bekannte russische Regisseur Vladimir A. Grammatikov bestätigte, dass nur noch wenige Kinderfilme fürs Kino produziert werden. Dabei hat gerade Russland in diesem Bereich eine große Tradition. Im Moment wird jedoch, wenn überhaupt, fürs Fernsehen produziert. Aber es gibt ein paar Projekte für Jugendfilme, u.a. auch in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut.

Ein Medienclub in Novosibirsk
Früher gab es die sog. jugendlichen Clubs für die Angebote nach der Schule: Schach spielen, eine Zeitung konzipieren, Filme gucken, selber welche drehen, etc. Nach dem Umbruch hatten die Jugendlichen kein Interesse daran, es galt sogar als uncool dort hin zu gehen, erinnert sich Oxana. Aber mittlerweile existieren neue Einrichtungen, die von den Jugendlichen vor allem als Möglichkeit zur Weiterbildung akzeptiert werden. 

So gibt es in Novosibirsk einen Medienclub mit dem Namen Media gibt, der sich an Schüler ab der siebten Klasse richtet, erzählt deren Leiterin Angelica. Angeboten werden dort z.B. Kurse über die Grundlagen des Journalismus. Es werden Artikel geschrieben, die entweder in Zeitungen oder sogar auf Websites erscheinen. Dann gibt es einen Fotoclub, in den Kinder und Jugendliche nicht nur kommen, um etwas vermittelt zu bekommen, sondern in dem sie auch selbstständig fotografieren und mit anderen Teilnehmern diskutieren können, u.a. auch mit professionellen Fotografen. Auch ein Videostudio steht zur Verfügung, in dem die Grundlagen des Videojournalismus vermittelt werden. Außerdem gibt es ein experimentelles Studio für Zeichentrickfilme. 

Die Kinder und Jugendlichen können ihre Themen selbst wählen. Meistens geht es dabei um Ökologie, den Umgang mit der Natur, Kriminalität und natürlich um die eigenen Zukunftsperspektiven - was kann man neben der Schule tun, um sich weiter zu bilden, um weiter zu kommen. Dieser Medienclub ist eine eigenständige Einrichtung, die nicht an die Schulen gebunden ist, höchstens dass deren Räumlichkeiten genutzt werden. Der Bürgerrat gibt ein jährliches Budget und für die Festivals geht man auf die Suche nach Partnern, z.B. die Administrationen unterschiedlicher Städte. Auch für die ausgeschriebenen Wettbewerbe wird nach Sponsoren gesucht.

Festivals und Wettbewerbe
Es gibt eine größere Zahl dieser Wettbewerbe und sogar einige, die jedes Jahr stattfinden, was nicht automatisch gesichert ist. Es kann durchaus passieren, dass es kein Geld gibt und der Wettbewerb und das Festival nicht stattfinden können. Aber in Novosibirsk gibt es nun schon im sechsten Jahr hintereinander ein Festival mit dem Namen Grüner Apfel.

Die Festivals präsentieren sich in unterschiedlichen Formen. Einmal ist es ein Zusammenkommen, bei dem Workshops angeboten werden und es entsteht als Ergebnis der Zusammenarbeit eine Zeitung, Filme, eine Radiosendung oder ein Newsportal. Oft gibt es auch Preise für die besten Ergebnisse. Oder aber es werden vorab Filme eingesandt, die präsentiert und von einer Jury prämiert werden. Allerdings finden auch hier meistens flankierend Workshops statt, so wie bei Grüner Apfel in Novosibirsk.

Zentrale Veranstaltungen für ganz Russland gibt es nicht, was sicherlich ein organisatorisches Problem in dem großem Land ist. Aber es besteht der Wunsch, zumindest eine zentrale sibirische Einrichtung als Plattform zu gründen, um erstens mehr Öffentlichkeit in Russland selbst zu bekommen und zweitens auch die Chancen zu verbessern mit ausländischen Organisationen und Medienschulen zusammen arbeiten zu können.

Mehr Öffentlichkeit hat da sicherlich das Forum Bumerang für Film- und Videoproduktionen für Kinder und Jugendliche in Orlyonok am Schwarzen Meer. Erstens ist es dort viel wärmer als in Sibirien und zweitens ist neben Yunpress und der Liga der jungen Journalisten Russlands als Mitorganisatoren u.a. auch das Ministerium für Erziehung und Wissenschaft als Partner beteiligt. Unter dem Juryvorsitz des schon erwähnten Regisseurs Vladimir A. Grammatikov werden die besten Arbeiten prämiert, die vorher schon in Wettbewerben in den Regionen ausgewählt wurden. Das Festival gibt es seit drei Jahren und es beteiligen sich zwischen 50 und 70 Regionen an diesen Vorentscheidungen. Die Wettbewerbe werden durch die regionalen Film-, Video- und Fotoclubs ausgetragen, in denen die Kinder und Jugendlichen angeleitet und betreut werden. 

Vor Ort gibt es diverse Workshops für Kinder und Jugendliche, die über mehrere Tage gehen, u.a. in Filmstudios, die Dokumentationen, Animationsfilme und Trickfilme erstellen, TV-Studios (Nachrichten, Videoclips, experimentelle Programme). Auch ein Fotoworkshop mit anschließender Prämierung ist im Programm.

Bumerang ist sicherlich ein Festival mit einer großen Außenwirkung, das jedoch nicht unbedingt exemplarisch ist für die Medienarbeit in Russland. Das Gefälle ist groß in diesem Land und es bleibt noch viel zu tun in Sachen Jugend und Medien. 

Junge Politikelite
Zumindest für kremltreue Jugendliche gibt es in Russland viele Möglichkeiten, politisch aktiv zu werden
Von Christine Auerbach

Als „Millenniums Generation“ bezeichnen Statistiker die jungen Russen von heute. Kennzeichen: optimistisch, flexibel, selbstbewusst. Das Attribut „politisch aktiv“ findet sich kaum in den Umfragen – und wenn, dann nur in den unteren Rängen. In Russland erachten nur vier Prozent der Jugendlichen ab 18 Jahren eine aktive Teilnahme am politischen Leben als wichtig, wie das Lewada-Zentrum in einer Umfrage im August herausgefunden hat. Auch bei den Wahlen spiegelt sich diese Tendenz wieder – junge Wähler stimmen seltener ab als alte. Jugendliche, die sich dennoch engagieren, sehen das oft als Investition in die Zukunft. Junge Mitglieder von Jedinaja Rossija und der kremltreuen Bewegung Naschi sehen sich als Elite ihrer Generation. Regierungskritisches Engagement hingegen bleibt schwierig.

Sieht man Alexander Bugajew, dann weiß man, wo der 28-Jährige hin will. Der graue Anzug sitzt, am Revers eine kleine Anstecknadel mit dem „R“ seiner Partei Jedinaja Rossija. Seine Meinung präsentiert er eloquent, wie man es von einem zukünftigen Politiker erwartet. Alexander Bugajew ist bereits einen guten Schritt hochgeklettert auf der politischen Karriereleiter: Er ist der Vorsitzende des Moskauer Jugendparlaments, einem jugendlichen Spiegelbild der Stadtduma. Gemäß der Sitzverteilung im großen Parlament teilen sich hier Nachwuchspolitiker zwischen 16 und 30 Jahren die 50 vorhandenen Plätze. 30 erhalten dabei die Jugendfraktionen der Parteien, zehn Sitze die Gewerkschaften und zehn werden durch Vertreter aus den Bezirken besetzt. Jede Fraktion hat dabei ein anderes System der Delegation. Bei Jedinaja Rossija beispielsweise müssen die Kandidaten ihre politischen Fähigkeiten in Debatten und Projektvorstellungen bewiesen haben, ehe sie in das Jugendparlament entsandt werden. „Die Arbeit hier ist eine gute Schule“, sagt Alexander Bugajew – er sieht auch seine Zukunft in der Politik.

Die Debatten im Jugendparlament stehen denen in der Stadtduma in nichts nach: Die jungen Abgeordneten der Jabloko-Partei, der Kommunistischen Partei, der Gewerkschaften und von Jedinaja Rossija sehen in ihren Anzügen mit Krawatte genauso aus wie die alten, ihre Reden sind genauso geschliffen, ihre Debatten genauso lang und genauso hitzig. „Unsere Beschlüsse hier haben Empfehlungscharakter für das Stadtparlament“, sagt Alexander Bugajew. „Wir haben außerdem das Recht, an ihren Sitzungen teilzunehmen, und sie kommen zu uns.“ Die diskutierten Themen sind dabei zwar meist jugendspezifisch, doch geht es auch um fehlende Bushaltestellen, Moskaus Wohnungsproblem und andere soziale Fragen. Alexander Bugajew jedenfalls mag das Wort Jugendpolitiker nicht: „Es gibt nur eine Politik für alle!“

Institutionen wie die Jugendparlamente, die es in fast 90 Prozent der Städte Russlands gibt, oder andere Organisationen, in denen sich Jugendliche mit Politik befassen, sind in Russland jedoch kaum bekannt. Laut dem Umfrageinstitut FOM, das den Befragten eine Liste von zwölf Jugendorganisationen zur Auswahl vorlegte, gaben 60 Prozent der Befragten an, keine einzige davon zu kennen. Nur die Organisationen „Russia’s Young Guard“, „National Bolshevik Party“ und „Naschi“ schafften es laut der Umfrage von 2007 zu einer mehr oder weniger breiten, landesweiten Bekanntheit. 

Die Putin-treue Jugendorganisation Naschi wurde dabei vor allem durch radikale und medienwirksame Massenaktionen bekannt, wie zum Beispiel die Blockade der Estnischen Botschaft in Moskau während des Streits um die Versetzung des sowjetischen Militärdenkmals in Tallinn oder das Anzünden von 2 000 Halloweenkürbissen Anfang dieses Monats vor der Amerikanischen Botschaft – stellvertretend für die, wie Naschi angibt, 2 000 zivilen Opfer im Kaukasuskonflikt. Zuletzt machten sie am 4. November mit der Aktion „Teppiche der Welt“ in Moskau auf sich aufmerksam. Die Jugendlichen webten hier tausende Teppichstücke aneinander, was die Einheit des russischen Volkes symbolisieren sollte. Gegründet 2005 vor dem Hintergrund der Orangenen Revolution in der Ukraine waren die Naschi-Jugendlichen vor allem im Wahlkampf 2007/2008 an der Seite von Wladimir Putin zu sehen. Für Maria Drokowa, eine der Führungskräfte der Moskauer Naschi-Gruppe, sind die Massendemonstrationen ein notwendiges Mittel zum Zweck: „Wir wollen Leute von unseren Ideen überzeugen, mit solchen Aktionen erwecken wir das meiste Interesse.“ Von Anfang an genoss Naschi dabei die Unterstützung des Führungsduos Putin und Medwedew. Der Präsident besuchte das Sommerlager der Organisation, eine Sonderdelegation durfte zum Privatempfang auf Putins Datscha. Mit der Partei Jedinaja Rossija arbeitet Naschi zusammen, doch legt Maria Drokowa Wert darauf, dass Naschi eigenständig gesehen wird: „Ein Großteil unseres Engagements geht in die gesellschaftliche Richtung. Wir organisieren Aktionen gegen Alkoholmissbrauch, helfen sozial Schwachen.“ Naschi sieht sich als die junge Zukunft des Landes, sich nicht für Russland zu engagieren zählt für Maria Drokowa nicht: „Wir wollen eine neue Gesellschaft aufbauen, das Land voranbringen. Dazu braucht es Engagement.“ 

Mit den Zielen von Naschi kann sich auch die Jugendfraktion von Jedinaja Rossija anfreunden. Mit den Methoden manchmal nicht, sagt Alexander Bugajew. Er ist der Meinung, dass es, bevor Jugendliche zum Demonstrieren auf die Straße gehen, vor allem Strukturen geben muss, in denen sich Jugendliche einbringen und etwas bewegen können. „Man kann niemanden zwingen, sich für Politik interessieren“, sagt er. „Aber man kann die Bedingungen schaffen, dass sich diejenigen engagieren können, die es wollen.“

Konstantin Jankauskas sieht diese Strukturen innerhalb der Regierung für sich bisher nicht. Der 22-Jährige ist für die Oppositionsgruppe United Civil Front tätig. Im Park von Tschistyje Prudy verteilt er Flugblätter, während seine Kollegen gegen die letzten Änderungen in der russischen Verfassung demonstrieren. „Ich wurde während der Märsche der Nichteinverstandenen drei Mal festgenommen, viele Freunde von mir auch.“ Für Mitglieder von Naschi und anderen Jugendbewegungen, die der Regierung gefallen, sei es dagegen sehr einfach, sich zu engagieren. „Sie bekommen finanzielle Unterstützung, werden nach Moskau gebracht für die Aktionen, bekommen eine Fahne in die Hand, etwas zu essen und sind glücklich. Aber nur wenige interessieren sich wirklich für Politik.“ Was Konstantin Jankauskas an seinen Altersgenossen kritisiert, ist deren Desinteresse – „Viele denken, sie können sowieso nichts erreichen, weil die Regierung alles macht, um ihnen zu sagen, dass sie nichts ändern können. Aber es gibt so viele Beispiele, aus den USA, der Ukraine, bei denen man sieht, dass es funktioniert. Junge Leute sollten endlich anfangen, aktive Bürger von Russland zu werden und das Land mit zu gestalten.“

 

Begegnungen
von Martin Schütz

 

Martin Schütz berichtet auf Radio Kölncampus über seine Gespräche in Moskau und über das Engagement junger Menschen in den Medien des Landes: 

 

 

 

 

 

icon Frührausch (4.03 MB)

 

„Moskau, Moskau, deine Seele ist so groß...“
von Stephanie Hoth

Eeine lebhafteste Begegnung mit der Stadt hatte ich bis vor 2 Wochen zu den Klängen des alten Dschinghis Khan Gassenhauers. Und da lässt man natürlich die Phan-tasie schweifen. Kaviar, Pelzmäntel, roter Platz und Kreml, und natürlich der Wodka, das russische Wässerchen. Und weiter? Tja, viel weiter ging es nicht. Die Gedanken, die man sich über Russland macht, sind, wie könnte es auch anders sein, geprägt von Medienberichten, den Taten der Politiker des größten Landes der Welt und dem Bild, das sie im Ausland zeichnen. 

Aber wie sieht es hinter dieser, ganz ehrlich dünnen, Wand aus Eindrücken und Vor-urteilen aus? Unterscheiden sich die russischen Jugendlichen so grundlegend von den Mitteleuropäischen, dass die Angst, die viele vor den Landmassen im Osten ha-ben, begründet ist? Ich denke, dass die Antwort auf diese Frage ein Nein sein muss. Natürlich hören sie andere Musik und haben vielleicht teilweise andere Werte, aber ist das nicht zum Beispiel bei den Spaniern genau so? Bei Gesprächen mit Moskauer Jugendlichen kristallisierten sich einige Meinungen heraus, die man genau so in Hamburg, Göttingen oder Passau hätte hören können. Neben der Bildungspolitik und Jobchancen sind Freizeit und Renten die größten Themen. Vor Arbeitslosigkeit haben sie keine Angst, die ist in Moskau kein großes Problem. Dafür aber in den ländlicheren Gegenden, wie Kamtschatka, wo die Wegzug der Jugendlichen in grö-ßere Städte nötig ist, um einen Job zu bekommen. Dieses Problem versucht auch das gerade neu gegründete Ministerium für Sport, Tourismus und Jugendangelegenheiten in den Griff zu bekommen und will nicht nur ein einheitliches Lohnniveau schaffen, sondern auch Gegenden wie Sibirien für die kommende Generation attraktiv machen. 

Und die Politik? Wie sehen Russen in unserem Alter die Chancen, mit demokrati-schen Mitteln etwas zu ändern? „Ich interessiere mich zwar für Politik, aber ändern können wir ja sowieso nichts.“ beantwortet ein 19 jähriges Mädchen, das wir abends in einem Park treffen, diese Frage. Sie ist Anhängerin der Gothic Subkultur, einer von vielen in der Hauptstadt. Aber die dunkle Kleidung und die gefärbten Haare sei-nen keine Rebellion gegen Regierung und System, stellt sie klar. Man zeige so nur, zu wem man gehört. 

Das Internet spielt eine große Rolle. Wer nicht mindestens eine Homepage, zwei Messanger und drei Profile in irgendwelchen Communities hat, hängt hinterher. In einer StudiVZ und Facebook Kultur wie der unseren auch keine unvorstellbare Frei-zeitbeschäftigung. Aber auch für Recherchen für die Universität und die allgemeine Bildung sei es unverzichtbar, so Studenten der Journalistischen Fakultät. 

Russlands heranwachsende Generation gibt sich europäischer den je und ihr Land hat für jedem, der sich traut an den Politikern vorbei zu schauen, etwas zu bieten. Seien es die unendlichen Weiten Sibiriens, die Strände an der Schwarzmeerküste oder die schillernden Metropolen, Russland will entdeckt werden.

Freiheit wovon? Freiheit wozu?
von Andreas Kleinschmidt

 

Eigentlich wäre alles geritzt gewesen. Sergej  ist 23, er hat fertig studiert, mit guter Note abgeschlossen, die Moskauer Universität macht sich ohnehin nicht schlecht auf der Visitenkarte, in einem Land, das trotz – vielleicht gerade wegen - Jahrzehnten verordneter Gleichheit ganz genau auf Status und Ehrenzeichen achtet. Mehr noch als sein Studienabschluss, den man sich für ein paar tausend Dollar wohl auch kaufen könne, da macht sich Sergej keine Illusionen, würde sein Status sich am Geld festmachen. Und gutes Geld verdiente er bereits, in den fetten Jahren, bevor 2008 die Wirtschaft in Russland und insbesondere in Moskau zusammenbrach. Kommunikationsberater. Bei manchen Mandanten durfte man vielleicht nicht so genau hinsehen. Aber Geld war Geld, der Rubel etwas wert, damals, in den Boomjahren. Doch Sergej ging zurück. Nach Deutschland. Wo er mit 15 für ein Jahr die Schule besucht hatte und wo er eines findet, wie er sagt, was er in Moskau nicht finde: „Freiheit“. Freiheit wovon? Freiheit wozu?

In Barnaul geht Eugenij zu Schule, 19 Jahre alt. Auch er war in Deutschland auf der Schule, viele Jahre, lebte dort mit den Eltern. Doch als er 18 war, ein Jahr ist das her, sollte er wieder nach Sibirien. Der Vater wollte es so. Und Eugenij langweilt sich: „Viele Jugendliche in meinem Alter saufen sich die Birne weg. Das geht mit 13, 14 los, da wird die Vodka-Flasche herumgereicht.  Ich weiß, es klingt wie ein Klischee, aber so läuft das.“ Was er vermisst, er kann es nicht so genau sagen. Das andere Leben sei es irgendwie, die vielfältigeren Möglichkeiten, und vor allem, ja, vor allem die Freunde in Deutschland. Nach kurzem Zögern fügt er hinzu: „Und die Freiheit.“ Wovon? Wozu?

 

Sergej muss sich zumindest die Freunde neu suchen. Kulturmanagement studiert er nun in Deutschland, vielleicht nicht ganz zufällig das Gebiet, in dem seine Frau arbeitet. Sie lebt in Moskau. In seiner kleinen Küche bereitet er Blinis zu, russische Pfannkuchen, mit Lachsrogen und Smetana, saurer Sahne. Die – leider widersprüchlichen - Rezepte von Ehefrau und Mutter wurden noch kurz per Handy durchgegeben, das Resultat überzeugt: „Als ich mit 15 nach Deutschland kam, hat mich am meisten beeindruckt, dass wirklich alles funktionierte. Der Bus kam pünktlich, in der Schule hatten wir mehr Freiheiten, als in Russland, aber die Schüler lernten trotzdem, in gewisser Weise funktionierten auch sie, aber weniger aus Zwang, mehr aus eigenem Antrieb,“ schwärmt Sergej im Rückblick. Eine Beobachtung, die deutschen Lehrern Tränen in die Augen treiben könnte. Wirklich schwer fiel dann die Rückkehr nach Russland: „Ich wurde nach ein paar Monaten richtig schwermütig. Ich kam in den Trott der Nachhilfestunden und der Vorbereitungskurse für die Universität, all die Eigenständigkeit, die ich mir angewöhnt hatte, schien verloren.“

 

Eugenij berichtet ähnliches: „Wir lernen auswendig, pauken, aber werde ich wirklich gefordert? Sicher nicht so, dass ich dabei wachse.“ Jedenfalls hat er beim Deutsch-Wettbewerb russischer Schüler exzellent abgeschnitten. Aber er fürchtet, dass für ihn objektivierbare Leistung nicht der Maßstab sein wird: „Ein Freund von mir wurde brutal zusammengeschlagen. Die Polizei tat gar nichts. Mir wurde zugetragen, dass die Herren von der Wache gut geschmiert waren.“ Auch wenn es für die Einzelfall oft keine Beweise gibt, es ist bekannt, dass Korruption in Russland endemisch ist und alle Lebensbereiche durchzieht. Auch für Sergej ist das ein weiterer Grund, seinen Berufsweg in Deutschland zu bestreiten: „Ich kenne es aus meiner Familie, seit Generationen Ärzte. Die staatlichen Gehälter sind so niedrig, dass man gezwungen ist, durch Sonderbehandlung wohlhabender Patienten sich etwas dazuzuverdienen. In einer solchen Lage möchte ich mich später nicht sehen. Auch deshalb fühle ich mich wohler in Deutschland.“ Sergej möchte bleiben. Eugenij möchte zurück. Doch sein Geld reicht nicht für Besuche und er müsste die Entscheidung treffen, alle zusammenzutrommeln, die helfen könnten: Freunde und Bekannte. Geld und viele Briefe bräuchte es, damit er mit Visum in Deutschland studieren könnte. „In Deutschland sehe ich viele Wege für mich. In einer verschlafenen sibirischen Großstadt?“, fragt Eugenij und gibt die Antwort mit seiner Frage.

 

Viele Wege. Die Möglichkeit, zu wählen. Darauf reduziert Sergej seine positive Deutschland-Erfahrung, während er einen weiteren Blini mit Sahne bestreicht: „Mein Lieblingssport ist Fechten. In Moskau – eine 10-Millionen-Metropole – gibt es doch tatsächlich nur zwei ernst zu nehmende Vereine,“ sagt er. „Der eine war viel zu weit entfernt, der andere nahm nur Mitglieder auf, die sich verpflichteten, sechs Mal pro Woche zu trainieren, um eine Chance auf Weltklasse zu entwickeln.“ Das deutsche Vereinswesen ist da schon reichhaltiger.

Aber Wahlfreiheit, das ließe sich ja auch im Sinne politischer Wahlfreiheit verstehen. An echte Manipulation bei den Wahlen in Russland glauben weder Eugenij noch Sergej. Aber in einem sind sie sich einig: Viele Russen ließen sich beeinflussen. Hätten gelernt, sich mit mangelnden Alternativen – eben auch politisch – zu arrangieren. „Und wer nie Alternativen kannte, nun ja, der vermisst sie wohl auch nicht, oder?“, mutmaßt Sergej. Angst habe er, wieder in das russische System einzuscheren, in dem Leistung nicht Unterpfand für Erfolg sei. Oder aber, um fair zu bleiben, noch weniger, als andernorts.

 

Der eine will in Deutschland bleiben. Der andere will zurück. Zwei junge Russen, deren kurzer Lebensweg sie in den Westen geführt hatte. In Deutschland haben sie Freiheiten entdeckt, die sie in ihrer Heimat vermissen. Und sie haben Träume geträumt. Einer, ein großer, ist eben der Traum von Freiheit. Ihn zu Leben, wird die größere Herausforderung: Jene, die vom „wovon“, zum „wozu“ führt.

 

Im Oktober 2007 informierte sich auf Einladung des PNJ und mit freundlicher finanzieller Unterstütztung des Bundesjugendministeriums eine Gruppe russischer Journalisten und Fachkräfte der Jugendhilfe über das Thema "Jugendmedien und Medienkompetenz" in Berlin. Die Geschäftsführerin unserer Partnerorganisation ynpress schrieb einen langen Bericht über ihre Erfahrungen und Erkenntnisse der Reise und über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Jugend-Mediensysteme in Russland und Deutschland

Medienkompetenz in Deutschland und Russland

Die vom Pressenetzwerk für Jugendthemen (PNJ) für uns organisierten Begegnungen und Interviews haben zu einem besseren Verständnis der Ähnlichkeiten und Unterschiede im Umgang mit dem Thema der Medienkompetenz in unseren beiden Ländern beigetragen.

Das fängt schon an damit, dass wir, wenn es um Medienkompetenz geht, mit dem gleichen Problem konfrontiert sind: der Kommerzialisierung der Medien. Das hat seine Auswirkungen auf die Prioritätensetzung bei der Informationsverbreitung: Kommerzielles wird reichlich aggressiv verbreitet, wohingegen soziale, bildungspolititsche und politische Aspekte ins Hintertreffen geraten. Für die Menschen unserer Länder, besonders für die Russen, bei denen zu Sowjetzeiten die Medien außergewöhnlich viel Autorität genossen, ist es oft schmerzhaft, das eigene Vertrauen in die Medien überdenken zu müssen. Früher haben alle (oder sagen wir, die Mehrheit) den Zeitungen, dem Rundfunk und dem Fernsehen in Russland (der UdSSR) Glauben geschenkt, das Wort des Journalisten hatte Gewicht und wurde durch die Autorität der Machthaber und der Gesellschaft noch untermauert.

 

Heutzutage glauben die älteren Menschen den Medien noch immer, die nicht ganz so alten glauben nicht mehr daran, und die jüngeren interessieren sich gleich gar nicht mehr dafür und suchen sich ausschließlich Spezialinformationen, wie man sie im Internet findet.

Das Internet ist aber immer noch nicht allen zugänglich. Wenn man nicht Moskau und andere Großstädte nimmt, sondern kleine Ortschaften und abgelegene Dörfer, so gibt es dort nicht einmal immer Telefonanschlüsse, im Fernsehen kann man maximal zwei oder drei Programme sehen, und die überregionalen Zeitungen und Zeitschriften werden einmal in der Woche aus-geliefert. Im Radio kann man ausschließlich Lokalnachrichten und Musik hören. Bei den Aufnahmeprüfungen für die journalistische Fakultät an der Moskauer Staatlichen Universität fragen die Dozenten und Journalisten (aus denen sich die Prüfungskommission zu gleichen Teilen zusammensetzt) die Abiturienten zuerst, zu welchen Presseerzeugnissen der potentielle Student Zugang hat, und erst danach wird geprüft, wie gut er sich darin auskennt. Die Geschäftsleute haben sehr schnell begriffen, dass man, wenn man Einfluss auf die Jugendlichen haben möchte, Geld in Internet-Cafés und –Clubs investieren sollte. Dabei ist es zweitrangig, ob die Verbindung über Satellit, per Handy oder per Festnest zustandekommt, wenn es schon keine extra Leitung gibt.

 

Der Staat hat sich erst viel später in den Prozess der “Internetisierung” der Bevölkerung und erst recht der Schüler eingeklinkt. Inzwischen gibt es auch in Postämtern Internet. Es gab das nationale Programm “Internet für jede Dorfschule”. Dann (ab 2006) wurden Internet-Clubs in Bibliotheken eingerichtet (und darauf aufbauend öffentliche Zentren für öffentlich zugängliche Information). In Gymnasien und Lyzeen wurden Mediotheken eingerichtet, in denen die Schüler kostenlosen Zugang zum Internet haben. Ab 2007 soll es diesen Service in JEDER Schule geben. In Moskau mussten die Schüler der höheren Klassen im Oktober 2007 sogar probeweise das einheitliche staatliche Examen übers Internet ablegen (für jeden Schüler wurde eine eigene Seite eingerichtet und er bekam Vorbereitungsmaterial und die Prüfungsfragen zugeschickt.)

Aber das Internet hat die übrigen Medien nicht ersetzt. Es gehört zu den Aufgaben der Schule, den jungen Menschen beizubringen, sich in den verschiedenen Medien zurechtzufinden. So ist die Arbeit mit Presseerzeugnissen offizieller Bestandteil des Lehrplans. An einigen Schulen gibt es ein spezielles Unterrichtsfach Medienbildung. An den meisten Schulen ist die Lektüre von Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehprogrammen Bestandteil des fächerübergreifenden Unterrichts. So bekommen die Schüler z.B. anlässlich des Jubiläums eines historischen Ereignisses die Aufgabe, Zeitungsartikel zu sammeln und zu vergleichen, wie das Ereignis in der Presse und in den Lehrbüchern dargestellt wird. Im Geografieunterricht kann der Lehrer die Schüler auffordern, in verschiedenen Zeitungen Artikel der Auslandskorrespondenten, die aus den jeweiligen im Unterricht behandelten Ländern berichten, zu sammeln. Das gleiche wäre im Biologieunterricht denkbar. Und im Fremdsprachenunterricht ist die Zeitungslektüre in der Fremdsprache obligatorischer Unterrichtsbestandteil.

 

Auch in den Fächern Gesellschaftskunde und Grundlagen der Lebenssicherheit (Unfall- und Katastrophenschutz) werden verschiedene Presseerzeugnisse eingesetzt. Außerdem gehört es zu einigen Fächern, dass die Schüler ihre eigenen Medien erstellen. Zum Beispiel werden an manchen Gymnasien die Schüler beauftragt, ein Video über ein Buch zu drehen oder einen Dokumentarfilm bzw. eine Fernsehdokumentation über die Geschichte einer Straße oder einer Einrichtung oder zu einem ökologischen Thema zu drehen. Im Rahmen des Informatik-Unterrichts wird an manchen Schulen eine (gedruckte) Schul- oder Klassenzeitung mit Internetversion erstellt. Den Hauptanteil der Medienpädagogik (einschließlich der außerschulischen erzieherischen Arbeit, wo Fernsehfilme, Serien, publizistische und wissenschaftliche Fernseh- und Rundfunksendungen in extra Stunden diskutiert werden) leistet die Schule. Aber auch Hochschulen greifen im Lehrprozess häufig auf Presseerzeugnisse und elektronische Medien zurück. Für die Tätigkeit von Internet-Clubs und verschiedenen außerschulischen Einrichtungen (solche, die nicht zum Bildungssektor gehören) gibt es keinerlei besonderen Vorschriften. Die Öffentlichkeit beginnt gerade erst, sich für den Schutz von Kindern vor kommerziellen Produkten einzusetzen, die einen negativen Einfluss auf die Psyche des heranwachsenden Menschen haben können. Vereine von Eltern und Pädagogen, aber auch Verbände von Medienvertretern tragen Fragen des Verbots bestimmter Internetauftritte und Fernsehsendungen, des Verbots der Ausstrahlung von Filmen und Sendungen mit Gewaltszenen oder mit Werbung für Alkohol und Nikotin zu bestimmten Tageszeiten in parlamentarische Anhörungen und öffentliche Veranstaltungen. Auch die Gefahren, die Computerspiele mit sich bringen, werden bereits diskutiert. Insofern waren die russischen Journalisten überaus interessiert an den Erfahrungen des öffentlichen Umgangs mit dem Thema der Medienkompetenz.

 

In Deutschland bzw. in Berlin lernten wir auf verschiedenen Ebenen kommunale und staatlichen Akteure kennen, die mit dem Themenkreis Medienpädagogik und Stärkung der Medienkompetenz zu tun haben. So hatten wir die Möglichkeit, “DAS HAUS – Begegnungsstätte für Kindheit” und seine Arbeit kennenzulernen. Der Verein, der ein mehrstöckiges Haus in einem der Berliner Stadtbezirke betreibt, bietet Schulen und Kindern, die im Bezirk wohnen, kostenlos Freizeitangebote an. Die Kinder können sich auf verschiedene Weise kreativ betätigen – Sie können Musik machen, tanzen, Theater spielen, sich auf dem Gebiet der bildenden Kunst betätigen. Es gibt eine ABM-Stelle für einen Betreuer, der für die Fans von Computerspielen da ist. Es kommen auch ganz kleine Kinder im Vorschulalter zum Spielen dorthin. Aber zuerst müssen sie einen PC-Führerschein machen. Hierbei hilft ihnen der Betreuer. Seine Aufgabe ist es auch, darauf zu achten, dass ein Computerspiel altersgemäß ist. Die älteren Kinder beteiligen sich an der Herausgabe einer Zeitung des Hauses.

 

Dort wird über die verschiedenen Angebote berichtet, darüber, was man gelernt hat, über die eigenen Eindrücke. Während der Arbeit an ihrer eigenen Zeitung erfahren sie, wie richtige Zeitungen entstehen, was für ein komplexes Unterfangen das ist. Dann verteilen sie die Zeitung auch noch selbst – und obwohl die Auflage nicht riesig ist – 200 Stück, ist das keine leichte Aufgabe. Denn die meisten Kinder, die in “DAS HAUS” kommen, sind unter 12. Zusammen mit Lehrern setzen sie sich mit den Kinderrechten, mit dem Recht auf Meinungsfreiheit, dem Recht auf Spiel und Hobby und dem Recht auf gewaltfreie Erziehung auseinander. Mit Unterstützung der Lehrer entsteht im “HAUS” jedes Jahr ein Buch mit Erzählungen und anderen Arbeiten: Gedichten, Märchen, Zeichnungen. Wenn jemand noch nicht selbst schreiben kann, diktiert er es den Älteren, die es dann aufschreiben.

 

Die Projektleiterin von “DAS HAUS”, Birgit Bosse, ist die einzige, die vom Stadtbezirk bezahlt wird. Alle anderen MitarbeiterInnen arbeiten ehrenamtlich oder über den zweiten Arbeitsmarkt (d.h. sie werden von der Arbeitsagentur bezuschusst). Aber Birgit trägt dafür Sorge, dass nicht irgendwelche zufällig ausgewählten, gleichgültigen Menschen mit den Kindern arbeiten. Auch sie selbst lässt sich keine Gelegenheit entgehen, sich auf Lehrgängen und Seminaren weiterzubilden. Unter anderem auf solchen für Medienpädagogik.

 

Beraten lassen kann sie sich zum Beispiel vom Medienkompetenzzentrum Friedrichshain/Kreuzberg. Solche Medienkompetenzzentren gibt es in allen Berliner Stadtbezirken. Hier gibt es Fachleute, die auf Wunsch von Schulen Seminare durchführen, und zwar nicht nur für Schüler, sondern auch für Lehrer und Eltern. Das Zentrum kann einer Schule eine Videokamera oder Computertechnik zur Verfügung stellen, damit Schüler einen Film drehen und schneiden können. Es gibt regelmäßig die Netdays, Tage der digitalen Medien, auf denen man seine Computerkenntnisse ausbauen kann.

 

Die Geschäftsführerin des Medienkompetenzzentrums, Ilka Goetz, ist der Auffassung, dass die deutschen Schüler das gleiche Problem haben wie die russischen. Sie haben den Umgang mit den Medien nicht erlernt, sich nicht kritisch damit auseinandergesetzt. Entweder glauben sie alles oder nichts. Dabei sind sie es nicht gewohnt, zwischen wirklich wesentlicher Information und reiner Unterhaltung oder Werbung zu unterscheiden. Die Lehrer sind selbst zu passiv, wenn es darum geht, die Informationsflut zu bewältigen, oft gehen sie der Beschäftigung damit ganz aus dem Weg. Weil sie merken, wie unsicher sie sind. Ihnen fehlen die Zeit und das Wissen, die Flut zu verarbeiten. Insofern verlieren sie in den Augen ihrer Schüler an Autorität.

 

Deshalb sieht es das Zentrum in erster Linie als sein Ziel an, den Lehrern zu helfen. So werden diese z.B. angeregt, Computerspiele in den Lernprozess zu integrieren. Etwa den virtuellen Zoo “Zoo Tycoon”. Es gibt auch für andere Fächer Computerspiele. Aber es reicht nicht aus, wenn nur die Pädagogen sich mit elektronischen und Printmedien, Videofilmen und Spielen auseinandersetzen. Das Zentrum versucht, Familien und vor allem Eltern zu helfen. Und überhaupt all jenen, die den Umgang mit Medien erlernen wollen.

 

Ins Programm zur Steigerung der Medienkompetenz, über die das MKZ in Kreuzberg informiert, gehört auch die freiwillige Selbstkontrolle. Das heißt, dass die Verkäufer alle Videofilme, DVDs und Computerspiele auf der Packung mit einem je nach Altersklasse andersfarbigen Zeichen kennzeichnen und eine Altersangabe machen müssen – für welches Alter ein bestimmter Film oder ein Spiel zugelassen ist.


Diese Medienkompetenzzentren sind ein weiteres Glied im System zur Steigerung der Medienkompetenz der Berliner Bevölkerung und insbesondere der Jugend. Darüber hinaus gibt es noch das Internetportal Jugendnetz Berlin. Die Stiftung Demokratische Jugend, die das Konzept erarbeitet hat und das Portal fördert, bietet jungen gemeinnützigen Initiativen kostenfreies Hosting an, hilft ihnen, sich und ihre Arbeit zu präsentieren, und lädt auch aktive junge Leute ein, bei Spezialprogrammen der Stiftung mitzumachen, die im Portal beleuchtet werden.

Isgard Walla, Redakteurin des Portals und Mitglied der Stiftung Demokratische Jugend, nennt folgende gegenwärtige Schwerpunkte, die auf dem Portal diskutiert werden:

  • Abwanderung junger Menschen aus den neuen Bundesländern in den Westen
  • Kampf gegen Extremismus und für Toleranz
  • Information über Arbeitsmöglichkeiten für junge Menschen, insbesondere Beratung über die verschiedenen Formen von sozialer Arbeit, für Schulabgänger.

Zusammen mit den 12 Medienkompetenzzentren organisieren die Akteure des Jugendnetzes Berlin die Netdays, Tage der digitalen Medien, und unterstützen selbständige junge Berliner Medien, indem sie ihnen kostenfreies Hosting bieten. Junge Leute, die nicht genug Geld haben, können über die Medienkompetenzzentren kostenlos auf das Portal, finden interessante Angebote oder erkundigen sich nach Möglichkeiten sozialer Arbeit.

 

Das Jugendnetz organisiert auch Fortbildungen für KindergartenerzieherInnen und LehrerInnen sowie für JournalistInnen, die für junge Medien arbeiten.

 

Die Berliner Behörden können hier Informationen zu allen möglichen Kinder- und Jugendorganisationen bekommen, weil das Jugendnetz die Internetauftritte dieser Organisationen unterstützt. Eltern erhalten Warnungen, wenn bestimmte Killer-Spiele im Handel auftauchen und sie darauf achten sollten, ob ihre Kinder dafür empfänglich sind.

 

Insgesamt ist uns in den Gesprächen mit unseren deutschen Kollegen eines klar geworden: Die Berliner Öffentlichkeit nimmt sich des Themas der Medienkompetenz entschlossen an. Und die Behörden von Bund, Ländern und Gemeinden unterstützen diese Initiative nur zu gern. Die Erfahrungen des öffentlichen Umgangs mit dem Thema Medienkompetenz können für die russischen Organisationen durchaus von Interesse sein. Und wir haben unsererseits versucht, die Erfahrungen, die wir in Russland in dieser Hinsicht gemacht haben, unseren deutschen Kollegen nahezubringen.

NADESCHDA KULAKOWA
(Übersetzung: Sigrun Döring)

 

Im Oktober 2006 reiste eine PNJ-Delegation mit Förderung des Kinder- und Jugendplans des Bundes nach Moskau. Themenschwerpunkt war "Jugendmedien und Medienkompetenz". Nachfolgend einige der Berichte, die nach der Reise entstanden.

Bitte Barrieren brechen
Das Moskauer Jugendzentrum „Wibor“ will sich öffnen – verschlossen bleibt es dennoch 
Von Anne-Kathrin Bronsert

 

Wir sollen uns bitte hinsetzen. Für uns, die fünf Journalisten aus Deutschland, stehen Schulstühle hinter einem langen, leeren Tisch bereit. Wir schauen auf einen Raum voller Stuhlreihen, in der ersten sitzen sechs Mädchen. Zwischen ihnen und uns sind der Tisch und dahinter ein Gang. Wir sind die Offiziellen und sie unser Publikum.

 

„Besuch des Jugendmedienzentrums Wibor“ hatten wir auf unserem Programm gelesen. Vielleicht haben wir uns Jugendliche an Computern vorgestellt. Jugendliche, die mit uns Zeitungen durchblättern und sagen, was sie vom Inhalt halten und was sie selbst schreiben möchten. Vielleicht hätten wir den Schriftzug über dem Eingang verstehen müssen. „Staatliche Einrichtung der Stadt Moskau. Zentrum der richtigen und informationellen Hilfe der Jugend“ wird später für uns übersetzt. „Wibor“ bedeutet Wahl, ist kostenlos und für Kinder und Jugendliche aus dem Nordwesten Moskaus gedacht. Neben Computerclub, Kursen in Aerobic und Tanzen gibt es seit 2004 einen Presseclub. Dort sollen nachmittags Jugendliche ab 14 Jahren den Journalismus kennen lernen.

 

Zum Presseclub gehören die sechs Mädchen in der ersten Stuhlreihe. Die Lücke zwischen ihnen und uns wird unerträglich und wir bitten sie, sich mit an den Tisch zu setzen. Kichern, langsames Vorwärtsrücken. Sie sind zwischen 14 und 16 Jahre alt; zwei heißen Anja, die anderen Natascha, Lena, Tanja und Olja. Die meisten wollen Journalistinnen werden, eine Personalmanagerin. Tanja lernt Deutsch in der Schule, sie sagt: „Ich möchte Ökonomistin werden.“ Olja spricht mit uns Russisch, sie redet schnell und viel als sie sich vorstellt: „Ich mag Rammstein, ich mag Deutsche und Deutschland und ich träume davon nach Berlin und Dresden zu fahren. Und ich möchte Journalistin werden.“

 

Was müssen sie für ihren Traumberuf können und was wird ihre Aufgabe als Journalistinnen sein? Bevor eines der anderen Mädchen überhaupt nachdenken konnte, antwortet Olja. Sie redet davon, dass Informationen gesammelt, ausgewählt, verständlich und einfach aufgeschrieben werden müssen. „Man muss Informationen geben, die andere nur aus der Zeitung bekommen können, auch über die Dinge, die nicht für jeden sichtbar sind“, sagt die Übersetzerin, die selbst noch zur Schule geht.

 

Bevor wir weiter nachfragen können, taucht eine „Wibor“-Mitarbeiterin auf. Ekaterina Malaeva beginnt über ein weiteres Projekt des Zentrums zu reden, das sie selbst koordiniert: „MMC“, die „Welt der Moskauer Studenten. Unabhängige Studentenzeitung“. Sie wird von 15 Studenten aus zehn Moskauer Hochschulen geschrieben. „Sie können selbst entscheiden und werden auch nicht kontrolliert“, sagt Malaeva. Seit März 2006 erscheint MMC mit einer Auflage von 3000 Stück und liegt an 50 Hochschulen aus. Das Blatt ist kostenlos und wird, wie das gesamte Zentrum, vom Moskauer Familien- und Jugendkomitee finanziert. „Das Komitee kontrolliert die Studenten aber nicht“, so die Projektkoordinatorin. Was sich hinter diesem Komitee verbirgt, wird nicht erklärt.

 

Stattdessen zeigt sie uns die Artikel der Oktober-Ausgabe – und wir müssen in der Übersetzung einen vernünftigen Sinn suchen. Es geht um die Moskauer Universität, die die Unabhängigkeit ihrer Finanzen erreichen will. Außerdem haben die Studenten über zu niedrige Stipendien geschrieben, über gefälschte Diplome, den Tag der offenen Tür in einem Journalistik-Institut und eine Sport-Olympiade. Ein Artikel beschäftigt sich mit Extremsituationen, er ist mit einem Schriftzug unterlegt: „Kompass der Unsicherheit“. Bis wir das verstanden haben, sind Minuten vergangen. Malaeva hat mit ihrer streng und energisch klingenden Stimme immer neue Erklärungen abgegeben, die wir in der Diskussion mit der Übersetzerin zu verstehen versuchen. Jedenfalls hören wir weiter, dass MMC nicht die einzige Studentenzeitung Moskaus ist. Aber alle anderen seien kommerzieller und werden nicht von Studenten gemacht – wird uns versichert.

Wir diskutieren immer noch. Aber Malaeva hat es eilig; sie ist schon beim nächsten Thema: In der Bezirkszeitung erscheint alle drei Monate eine Seite mit Artikeln von Schülern aus dem Jugendzentrum. 50.000 Exemplare werden jeden Monat kostenlos an die Bewohner des Bezirks verteilt. Wir versuchen zu erfahren, worüber die Mädchen dort bisher geschrieben haben.

Vielleicht sagen sie auch ihre eigene Meinung und reden über ihre Probleme? Natürlich antwortet Olja. Sie schreibe über Probleme von Jugendlichen, Geschichten, die ihr mal passiert sind. Zum Beispiel? Sie redet eine ganze Weile. Einmal lachen alle und reden durcheinander. In der Übersetzung fehlt vermutlich ein Drittel. Olja erzählt, dass einige Lehrer die Eltern ihrer Schüler um Geschenke bitten. „Sie sagen: Ich habe in diesem Jahr meinen 40. Geburtstag, sie müssen mir einen Computer schenken“, berichtet die 16-Jährige. „Das dürfen die Lehrer zwar nicht, aber wenn die Eltern das nicht machen, bekommen die Schüler schlechte Noten.“ Die Aufregung unter den Mädchen hat sich gelegt, einige tuscheln miteinander. Andere Jugendthemen sind für Olja die Beziehung zu Jungen und Probleme zwischen Jugendlichen und ihren Eltern.

 

Zwischendurch hatte auch Tanja einmal etwas sagen wollen. Sie schaut die ganze Zeit etwas unsicher, als müsse sie sich zu jedem Wort überwinden. Auf Nachfrage sagt sie, dass sie für die aktuelle Ausgabe der Bezirkszeitung einen Artikel geschrieben hat. Darin geht es um ihre Freundinnen, die Medizin studieren, weil sie Menschen helfen und etwas über das Sterben erfahren wollen.

 

Als jemand nach den Hobbys und Lieblingsfächern der Mädchen fragt, ist es, als wären wir wieder ganz am Anfang angekommen – an der Oberfläche. Die Mädchen antworten artig der Reihe nach, jede sagt ein bis zwei Sätze. Danach kommt das Gefühl, mit neuen Fragen nicht mehr weiter zu kommen. Und dann sollen wir uns schon wieder beeilen, sollen schnell einen Tee trinken und uns auf den Weg zum nächsten Termin machen. Dabei hat Tanja gerade doch noch erzählt, dass sie im Fach Gesellschaftskunde über alles sprechen können, auch über die Georgien-Krise. Sie findet, dass alle Konflikte diplomatisch gelöst werden können. Auf Deutsch fragt sie: „Was denken Sie über den Irak-Krieg?“ Eine kurze Antwort nur und ein Schluck Tee. Wir sollen uns bitte beeilen.

 

Pauk-Show statt Prüfung
Russische Studentin kam per Quizsendung zum Traumstudium / Moskauer Institut für internationale Beziehungen gilt als Kaderschmiede
von Fritz Hermann Köser

Marina Kirjuchina büffelte wie besessen. Die Schülerin aus Tula nahe Moskau wollte unbedingt ins Fernsehen. Unbedingt in die Quiz-Show. Unbedingt gewinnen. 
„Umniki i Umnizi“ („Die superklugen Mädchen und Jungen“) läuft auf dem beliebten Sender „Das Erste“. Nicht live, sondern jeden Sonntag um 09.00 Uhr morgens, zur Unzeit. Das 40-minütige Quiz ist trotzdem der Renner. Es bekam bereits einen Preis als beste Jugendsendung.

Um einen Millionengewinn wie bei Jauch geht es nicht in der russischen Pauk-Show. Sondern um einen der begehrten Studienplätze an dem renommierten Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO). Ein Sieg ist die Eintrittskarte dafür. Er erspart einem die extrem schwere Eingangsprüfung.

 

Die Kaderschmiede mit rund 5.000 Studenten aus Russland und 64 weiteren Ländern hat den Status einer Universität. Die Fachbereiche wie Internationales Recht, Wirtschaft oder Journalismus sind weltweit anerkannt. Es gibt ein eigenes Institut für Energiepolitik. Neben unzähligen Diplomaten hat auch der jetzige russische Außenminister Sergei Lawrow die MGIMO besucht.

 

Marina studiert hier seit September 2005 im Fachbereich „Internationaler Journalismus“ Public Relations. Ihr Studienkollege Dimitri Malzew büffelt Internationale Beziehungen. „Ich will auch Außenminister werden“, scherzt er. Nun sitzen sie gemütlich bei Tee und Mohnkuchen in der Cafeteria ihres Wohnheims. Die beiden Drittsemester sind erst 18. Vor ihnen liegen noch drei Uni-Jahre. In Russland fangen viele Studenten mit 17 an, manche sogar noch früher.

 

Marina war in der elften Klasse, als sie an Juri Wjasemski, Moderator der Show und Professor an der MGIMO, schrieb. Er lud sie nach Moskau zu einem Vorstellungsgespräch ein. Sie war dabei.
36 Teilnehmer traten zunächst gegeneinander an. Pro Show drei Kandidaten. Von Winter 2004 bis zum Frühling 2005 wurden sie in drei Etappen nach und nach herausgeprüft. Vom Viertelfinale mit zwölf Shows über das Halbfinale bis zum großen Finale.

 

Zwischen den Aufzeichnungen wälzte Marina Bücher über Bücher. Ob Bibel, Bismarck oder Buddhismus, das entsprechende Thema bestimmte das Los. Stress pur. Sie war mehr als aufgeregt. „Man kann nicht essen, nicht trinken, nur denken“, sagt sie. Der Prüfer ging ins Eingemachte. Was schuf Gott am Vierten Tag? Was stand über den Eingängen der Häuser, die Friedrich der Große für seine Veteranen bauen ließ? Marina wusste viel.

 

Dimitri packte es ohne die Show. „Die Eingangs-Prüfung war heftig“, erinnert er sich. Deutsch, Geschichte und Literatur. Für denn dreitägigen Test-Marathon war er extra aus seiner Heimatstadt Perm nach Moskau gereist. 22 Stunden mit dem Zug. 1100 Kilometer. Die Industriestadt Perm liegt am Rande des Urals. Übernachtungen und Anfahrt durften die Kandidaten selber zahlen. Der weite Weg hat sich gelohnt. Zweimal die Bestnote fünf. Neben einer vier.

 

Auch jetzt gibt es kein Ausruhen. Der Stundenplan ist voll gepackt. Marina lernt zudem Deutsch, Englisch und Spanisch. Nur drei von insgesamt 53 möglichen Sprachen, die die Uni anbietet.

Der Alltag ist hart. Um 07.00 Uhr stehen beide auf. Der Unterricht, Vorlesungen oder Seminare, dauert meist von 09.00 Uhr bis 16.00 Uhr. Dann kommen die Hausaufgaben, oft vier bis fünf Stunden. Ins Bett geht es selten vor 02.00 Uhr morgens.

 

Das Studium kostet nichts. Beide erhalten ein Stipendium über 3.000 Rubel im Monat. Nebst elterlicher Unterstützung. Bei Marina ist das kein Problem. Vater und Mutter arbeiten in einer Waffenfabrik als Ingenieure. Dimitris Eltern haben als einfache Arbeiter nur wenig auf der hohen Kante. Sie sind mehr als stolz auf ihren Sohn und sparen sich für ihn jeden Rubel vom Munde ab.

Drei Wohnheime gehören zur Uni. Marina teilt sich ihr kleines, möbliertes Zimmer mit ihrer Kommilitonin Galina Kim. Die Verpflegung kostet monatlich 50 bis 70 Rubel, das Zimmer weniger - nur 17 Rubel im Monat. Inklusive Wasser und Strom. Dimitri wohnt mit einem Kollegen nebenan. In der kleinen Gemeinschaftsküche kochen sie gelegentlich zusammen.

 

In der knappen Freizeit liest Marina Werke von Christine Nöstlinger oder Rainer Maria Rilke. Begeistert schaut sie Fußball, oder lauscht den Klängen der russischen Folk-Gruppe Melnitza. Dimitri hört etwas ganz anderes. Eine in Russland ungemein populäre Band. Rammstein.

 

„Die Jugend in die Politik!“
Molodaja Gwardia - Verjüngungskur für Putins Parteikader
Von Stephanie Lachnit / Übersetzung Anastasia Gorokhova

Politik in Russland war lange Zeit unter der alleinigen Herrschaft Erwachsener und der jungen Elite, die Jugend blieb außen vor. Egal, schließlich seien sie politisch uninteressiert und ihre Stimmengewalt bei Wahlen ohnehin irrelevant. Entsprechend unterrepräsentiert waren Jugendthemen im Wahlprogramm und parteipolitischen Bemühen. Mit den politischen Bewegungen in Georgien und Kirgisien und schließlich der „Orangenen Revolution“ in der Ukraine in 2004 wurde auch der Kreml eines Besseren belehrt: In der Jugend steckt mehr und von diesem Mehr geht eine eigene, gewaltige Kraft aus. Also handeln! Es gilt diese Jugend in die Politik zu integrieren – und zwar für die eigenen Ziele.

 

Die Gründung parteinaher Jugendorganisationen folgt, darunter die der putinnahen Gruppierung, 2005 in „Molodaja Gwardia" umbenannten „Jungen Garde“. Zielgruppe sind die jungen Russen zwischen 14 und 28 Jahren, Zielsetzung ist das Rebranding der Partei, die „Jugend in die Politik“ zu führen, so ihr Slogan.

 

Die moralisch-soziale Unterstützung der Partei sei die Kernaufgabe seines Teams, so Aleksej Schaposchnikov, Vorsitzende der „Jungen Garde“ und er umreißt kurz den Charakter der parteipolitischen Arbeit: sozial, patriotisch und politisch. Dabei stünden vielmehr die Pflichten als die Rechte eines jeden Mitgliedes im Vordergrund. Durch die Organisation von Sportveranstaltungen, Musikfesten, Straßenfeiern und Parteiversammlungen haben sie sich zu profilieren. In Moskau freut er sich über 10.600 Mitglieder, in ganz Russland sollen es etwa 80.000 sein.

Interview:


Renata Abdulina ist 21 Jahre alt und seit vier Jahren in der "Molodaja Gwardia" aktiv. Hier trommelt sie für Putins Partei „Einheitliches Russland“ und lockt neue Mitglieder. Der Tag gehört der Parteiarbeit, der Abend dem Studium an der Akademie der Justiz. Seit drei Jahren ist Renata Vorsitzende des Moskauer Nordbezirks, mit einem klaren Ziel vor Augen: sie will Justizministerin werden. Und stimmt, was die Jugendorganisation bei Mitgliederwerbungen verspricht, so öffnet ihr die Parteiarbeit so manche Tür.

 

Was ist deine Motivation für deine Arbeit in der Molodaja Gwardia? „Wer, wenn nicht wir?“
„Wer, wenn nicht wir, soll sich denn mit Jugendfragen beschäftigen, oder sich an der Jugendpolitik und vor allem an ihrer Entstehung beteiligen? Ich möchte anderen Jugendlichen zeigen, dass das interessant ist, aufregend, und andere junge Leute so anregen mitzumachen, ihnen zu helfen in Russland sozial aktiv zu werden.“

 

Welche Aktionen und Programme hast du schon organisiert?
„Also gerade in unserem Bezirk werden sehr viele Aktionen gemacht, die mit Sport oder Kultur verbunden sind. Wir veranstalten beispielsweiße große Fußballturniere, an denen bis zu 25 Teams teilnehmen, mit Mitgliedern verschiedenen Alters. Somit regen wir zu einer gesunden Lebensweise an.“

 

Wie viel Zeit pro Tag verbringst du für die Parteiarbeit?
„Ich mache ein Abendstudium, habe den Morgen also frei. Das heißt von 9 bis 17 Uhr arbeite ich für die Partei und von 18-21 Uhr studiere ich jeden Tag, außer dem Wochenende.“

Verdienst du durch diese Arbeit genug Geld fürs Leben?
„Wie viel konkret ich hier verdiene, möchte ich jetzt nicht sagen, aber es ist gutes Geld. Ich bezahle mir mein Studium selbst, lebe aber mit meinen Eltern, also um auszuziehen reicht es nocht nicht.“

 

Wie bist du zur Organisation gekommen?
„Ich war in der Schule schon sehr aktiv, war auch Klassensprecherin. Dann war ich im Studentenrat in der Akademie, dann habe ich von der Partei „Einheitliches Russland“ erfahren. Eigentlich durch meine Mutter, denn sie arbeitet dort. Und dann bin ich eben in diese Jugendorganisation eingetreten.“

Was findest du gut an deiner Partei „Einheitliches Russland“?
„Ist schwierig da gleich darauf zu antworten. Also den politischen Kurs der Partei, der darauf ausgerichtet ist, das Lebensniveau der Bürger zu verbessern, finde ich gut. Und auch, dass man mit Hilfe der “Jungen Garde“ den Jugendlichen Russlands die Möglichkeit bietet, sich auch an der Politik zu beteiligen. Das ist interessant und wichtig.“

Welche Probleme haben Jugendliche denn in Russland?
„Das Problem vieler Jugendlicher ist es eine Arbeit zu finden, die sie erst mal mit dem Studium parallel machen können. Außerdem besteht das Problem der jungen Familie, also eine Wohnung zu finden und die Kinder zu erziehen und Probleme, eine erschwingliche und sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu finden.“
Welche Probleme löst die Partei und was macht sie das deiner Meinung nach produktiv?

„Ich kann da jetzt keine Statistik nennen, aber vielen Jugendlichen wird auf verschiedenste Weise in verschiedensten Fragen geholfen. Manchen helfen wir ein Dach über dem Kopf zu bekommen oder Kindergartenplätze bei jungen Familien oder eine Arbeit zu finden.“

Hast du Wladimir Putin schon einmal gesehen?
„Privat leider nicht, nur in einem großen Saal, und ich saß da leider weit hinten.“

Wir wirkt er auf dich, als Mensch?
„Ich finde Putin ist eine starke Persönlichkeit, die in der Lage ist, die Massen für sich zu begeistern. Er hat sehr interessante und aktuelle Ideen.“

Meinst du, er nimmt die Probleme junger Menschen bewusst wahr?
„Ja natürlich. In seinen Reden an den Föderationsrat sagt er seit er an der Macht ist immer wieder, dass Russland große Hoffnungen in die Jugendlichen steckt, dass Jugendliche in der Lage sein müssen Probleme zu lösen.“

War es schwer für dich, in dieses Amt zu kommen?
„Ich habe drei Jahre gebraucht um aufzusteigen.“

Wer hat dich gewählt?
„Man wird auf einer Konferenz gewählt, wo um die 100 junge Leute, also Mitglieder anwesend sind, die wählen dann.“

Gab es Konkurrenz?
„Nein eigentlich keine Große.“

Wie einfach war es für dich als Frau, gewählt zu werden?
„Also da gab es keine Diskriminierung oder so etwas. Ganz im Gegenteil, da weniger Frauen Mitglied sind, wird man sogar mit mehr Respekt behandelt.“

Was sagst du zu der Kritik an Putin durch den Westen?


„Also ich unterstütze die Politik Putins, und was Kritik an der Meinungsfreiheit und an Menschenrechten durch den Westen angeht, so kenne ich da keine Beispiele.“

Wie wichtig ist die Beziehung Russlands zu Deutschland. Was meinst du? 
„Welches Land für Russland wichtiger als Partner ist, ist schwer zu sagen, aber internationale Beziehungen sind wirtschaftlich und politisch wichtig für Russland. Und was Deutschland konkert angeht, so ist die Beziehung wichtig. Unsere gemeinsame Vergangenheit war ja eher negativ, aber jetzt ist alles anders, zum Glück.“

 

Jugendpresseorganisationen in Russland
Förderung journalistischer Initiative – unter Obhut des Staats
Von Tobias Birzer

 

Spätestens seit dem Mord an der kreml-kritischen Journalistin Anna Politkovskaja sind Zweifel an der Pressefreiheit in Russland nicht unberechtigt. Von westlichen Standards scheint das Land jedenfalls meilenweit entfernt zu sein. Dennoch interessieren sich viele Jugendliche in Russland für den Beruf des Journalisten und ergreifen oft selbst die Initiative. In allen Regionen des Landes bringen Kinder und Jugendliche eigene Schüler- und Jugendzeitungen heraus oder schreiben auf eigenen Websites. Doch das ist auch wegen des finanziellen Aufwands oft nicht einfach.

Unterstützung finden diese Initiativen bei der „Liga der jungen Journalisten Russlands“. Diese Organisation existiert bereits seit 1992 und ist Mitglied der Vereinigung russischer Journalisten. 1996 wurde die Organisation Ynpress zunächst als Jugendpresseagentur gegründet, schon bald darauf aber mit der Liga der jungen Journalisten vereinigt. sie arbeitet mit jungen Journalisten aus Moskau und den verschiedenen Regionen Russlands zusammen. Dabei vereint die Liga die verschiedensten journalistischen Initiativen: Schülerzeitungen und Jugend-Radiosender, unabhängige Jugendzeitungen und –zentren.

 

Ynpress organisiert die Arbeit der Nachwuchsjournalisten uns ist auch an der Jugendsendung „Der Spickzettel“ im russischen Frühstücksfernsehen beteiligt. Außerdem werden journalistische Kurse und Veranstaltungen für Jugendliche durchgeführt. Ziel ist es, die Medienkompetenz und lokale Initiativen von jugendlichen zu fördern. Inzwischen hat die Liga der jungen Journalisten über 20.000 Mitglieder aus 42 Regionen Russlands. Sie vereinigt mehr als 2000 Schüler- und Jugendzeitungen, etwa 30 Fernsehprogramme und 12 Radiosender.

 

Ynpress ist außerdem ein Internetportal, auf dem registrierte Jugendliche ihre eigenen Artikel veröffentlichen können. „Natürlich prüfen wir bei jedem Text, ob er auch journalistisch geschrieben ist, sagt Vitaly, selbst erst 18 Jahre alt und Mitarbeiter bei Ynpress. Die Jugendlichen berichten auf der Internetseite meist über regionale Neuigkeiten, die für sie interessant sind, oder einfach über Dinge, die ihren wichtig sind. Darüber hinaus bietet Ynpress auf seiner Website auch Informationen aus der Pressegeschichte, über Veranstaltungen und Wettbewerbe der Liga der jungen Journalisten und stellt kostenlos komplette Lehrbücher über die journalistische Praxis online zur Verfügung, die von den Verfassern, erfahrenen Journalisten und Dozenten zur Verfügung gestellt werden.

 

Die Liga der jungen Journalisten unterstützt die journalistischen Projekte von Jugendlichen in ganz Russland organisatorisch und finanziell. Hier finden sie eine gemeinsame Plattform und können Probleme mit Hilde der erfahrenen Mitglieder des Vorstandes der Liga lösen. „Die Liga ist sehr hilfreich, vor allem durch die finanziellen Zuschüsse und die Briefe an die regionale Verwaltung“, sagt Marina, 20 Jahre alt aus Wolgograd. Sie ist Redakteurin der Jugendzeitung „Neue Straße“ und seit einem Jahr Mitglied in der Liga. Marina ist Delegierte auf der diesjährigen Hauptversammlung der Liga in Obninsk, etwa 90 Kilometer nordwestlich von Moskau. Hier besprechen die regionalen Vertreter der Organisation das Programm für das kommende Jahr. Wichtigstes Ziel für 2007 ist es, weitere regionale Zentren der Liga zu gründen.

 

Präsident der Liga der jungen Journalisten ist Alexander Schkolnik. Der 42-Jährige ist einer der Gründer der Organisation und hat bereits in den 80er Jahren die ersten Versuche eines Kinderprogramms im russischen Fernsehen unternommen. Jetzt ist er Producer des Kinderprogramms im ersten Kanal des russischen Fernsehens und außerdem Mitglied in der von Präsident Putin 2005 neu geschaffenen Öffentlichen Kammer der Duma ist, die bei Gesetzesinitiativen eine beratende Funktion ausübt. Ziel der Liga sei es, so Schkolnik, der Jugend eine Möglichkeit zu geben, sich in der Informationsgesellschaft zurecht zu finden. außerdem sollen sich die Jugendlichen informieren und eine eigene Meinung artikulieren können.

Doch mit der eigenen Meinung ist es so eine Sache, auch wenn es Schkolnik nicht zugeben will. Schließlich wird das Programm der Liga vom Staat finanziell unterstützt, und das muss vorher von den zuständigen Behörden abgesegnet werden.

 

Diese Tendenz wird vor allem auch in der Journalistenorganisation Mediakratia deutlich. Auch hier ist Schkolnik der Vorsitzende. Kein Wunder, ging sie doch aus der Liga der jungen Journalisten hervor. „Das Problem war, dass die Jugendlichen aus der Liga allmählich erwachsen wurden“, erklärt Schkolnik. Hier können sich professionelle Nachwuchsjournalisten im Alter von 18 bis 30 Jahren organisieren. Die Organisation hat sich die Förderung der journalistischen Ausbildung und den informellen Austausch unter den Mitgliedern zum Ziel gesetzt. Im März wurde Mediakratia als offizieller Journalistenverband anerkannt. Die Arbeit der Organisation soll zur verantwortlichen und positiven öffentlichen Umgestaltung in Russland beitragen. In Programm von Mediakratia ist aber auch zu lesen, was darunter zu verstehen sein soll: „Wir wollen von der Idee der Opposition zur Idee der sozialen Partnerschaft übergehen.“ Bei solchen Zielen bleibt die Zukunft der Presse in Putins Russland, auch bei der engagierten Pressearbeit von vielen tausend russischen Jugendlichen, doch mehr als fraglich.

 

Scheren im Kopf
Die schwierige Arbeit russischer Journalisten
Von Nicole Alexander

 

Angst? Nein, Angst muss man in Russland als politischer Journalist nicht haben, da sind sich die jungen Frauen einig. "Ich weiß noch nicht, ob ich in den politischen Journalismus gehen werde", sagt Anna. "Aber wenn, dann würde ich meine Meinung schreiben. Das ist doch mein Beruf." Mit mehreren Kommilitonen sitzt die 19 Jahre alte Frau im Studienraum des Freien Russisch-Deutschen Instituts für Publizistik (FRDIP) der Lomonossow-Universität in Moskau, in dem sich Bücher über Deutschland und deutsche Medien bis unter die Decke stapeln. Und die ein Jahr ältere Anastasia fügt hinzu: "Ich will auf jeden Fall in Russland über russische Politik schreiben. Angst davor habe ich eigentlich nicht."

 

Anna und Anastasia sind zwei der insgesamt etwa 350 Studenten, die im Nebenfach am FRDIP studieren. Im Oktober 1994 wurde das Institut von der Lomonossow-Universität gemeinsam mit drei deutschen Universitäten gegründet. Für seine Direktorin Galina Woronenkowa die Erfüllung eines lang gehegten Traums. "Früher hatte unsere journalistische Fakultät keine Verbindung zur Bundesrepublik", erzählt die resolute Professorin, die während der Wende als Journalistin zunächst in der DDR arbeitete und danach für westdeutsche Zeitungen schrieb. "Es war mein größter Wunsch, diese Zusammenarbeit herzustellen und Kontakte zu deutschen Medien zu knüpfen."

 

Klima der Angst
Heute halten deutsche Professoren an dem Institut regelmäßig Vorlesungen zur deutschen Politik und Gesellschaft. In Moskau akkreditierte Korrespondenten deutscher Zeitungen, Radio- und Fernsehsender bringen den russischen Studenten in Praxisseminaren das journalistische Handwerk näher. "Fast alle unsere Studenten machen im Laufe ihres Studiums Praktika bei deutschen Medien", erzählt Woronenkowa stolz. Ziel des Instituts sei es, kritische und von der Demokratie überzeugte Journalisten auszubilden.

 

Genau solche Journalisten aber sind in Russland nicht unbedingt gern gesehen. Zensur wie zu Zeiten der Sowjetunion gibt es in Russland zwar nicht mehr. "Früher saß in jeder Redaktion bzw. in jedem Druckhaus ein Zensor, dem alle Journalisten ihre Artikel zeigen mussten", erzählt Woronenkowa. "Das ist vorbei. Aber es gibt etwas, was die Deutschen 'Scheren im Kopf' nennen, nämlich Selbstzensur. Und natürlich wird Nachzensur geübt." Aus dem Kreml komme keine Anweisung, über bestimmte Themen nicht zu schreiben. Aber wenn in einem Artikel scharfe politische Kritik geübt werde, dann könne der Chefredakteur der betreffenden Zeitung schon mal seinen Job verlieren.

 

Am meisten beunruhigt Woronenkowa – anders als ihre Studentinnen - das Klima der Angst, das sich unter russischen Journalisten ausbreite. "Nach dem Mord an Anna Politkowskaja fürchte ich, dass die jungen Journalisten Angst haben werden, politische Themen zu besprechen", sagt Woronenkowa. "Hoffentlich kommt die Zeit, in der die Jungen über Politik schreiben werden." Die Journalistin Anna Politkowskaja, die sehr kritisch über den Krieg in Tschetschenien berichtet hatte, war Anfang Oktober vor ihrer Moskauer Wohnung mit mehreren Schüssen ermordet worden.

 

Das Gefühl der Angst kennt auch Olga Kitowa. Die 52-Jährige Journalistin hat für die "Nowaja Gazeta" – die Zeitung, für die auch Politkowskaja gearbeitet hat - und die "Moskowskij Komsomolets" über Korruption und Amtsmissbrauch in der zentralrussischen Region Belgorod berichtet, die dem Gouverneur Ewgenij Sawtschenko untersteht. Bereits 2001 wurde sie deshalb von den örtlichen Behörden verhaftet und vor Gericht gestellt. Das Urteil: Zweieinhalb Jahre Haft auf Bewährung. 2003 erhielt Kitowa "für ihr mutiges Eintreten für kritische und objektive Berichterstattung" den Preis für Pressefreiheit des Deutschen Journalistenverbands, 2004 verbrachte sie ein Jahr in Deutschland als Stipendiatin der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte.

 

Drohungen und Erpressungsversuche
Genau vor einem Jahr kehrte Kitowa nach Russland zurück und setzte ihre Recherchen über dunkle Machenschaften des Gouverneurs von Belgorod fort. Die Reaktion: Drohungen, Einschüchterungen Erpressungen - das alte Spiel.

 

"Pressefreiheit gibt es in Russland nicht", resümiert die erfahrene Journalistin. "Alle Massenmedien in der Region stehen unter der Kontrolle des Gouverneurs. Die meisten Journalisten wollen ihr Wohlergehen nicht aufs Spiel setzen und verhalten sich deshalb den lokalen Machthabern gegenüber gefügig."

 

Von Kitowas fast schon resignativer Haltung sind die Nachwuchsjournalisten des FRDIP weit entfernt. "Es gibt freie Medien in Russland", betont Anna, und es klingt ein wenig trotzig. "Im Radiosender 'Echo Moskaus' wird ganz offen über Wirtschaft und Politik gesprochen. Die Hörer rufen an und sagen, was sie denken. Man kann über Putins Politik oder über die Pressefreiheit in Russland, und niemand scheut sich, seine Meinung zu äußern." Dass der Sender dem russischen Staatskonzern Gazprom gehört, den Putin zum weltgrößten Energielieferanten ausbauen möchte, scheint sie nicht zu irritieren. Und ihre Kommilitonin Maria fügt selbstbewusst hinzu: "Staatliche Zensur ist natürlich schrecklich. Aber dafür sind wir ja hier, um das zu ändern. Und wir sind überzeugt, dass wir das auch schaffen werden."

 

Im Augenblick aber sind die Tatsachen nicht ermutigend: Seit Putins Amtsantritt im Jahr 2000 sind in Russland 21 Journalisten und Journalistinnen ermordet worden. Im weltweiten Pressefreiheitsranking rangiert Russland ziemlich weit hinten - nämlich auf Platz 147 von 168 Ländern.

 

Bericht aus dem Jahr 2004

 

Moskaus Glitzerwelt und die Probleme der Provinz

Eine Reise in fremde Länder, vielleicht nach Deutschland. Das ist Nataschas Traum. Für das 17-jährige Mädchen ist aber schon der Weg zur Schule ein Alptraum. Natascha sitzt im Rollstuhl und ohne die Hilfe ihres Vaters Sergei kommt sie in ihrer Heimatstadt kaum hundert Meter weit. Bürgersteige und Treppen sind für sie unüberbrückbare Hindernisse. Und davon gibt es einige in Kolomna. In der russischen Provinz, zwei Stunden vor Moskau, sind behindertengerechte Wege oder Gebäude unbekannt. 13 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind viele Nebenstraßen noch nicht geteert, Bürgersteige nicht gepflastert. „Hier verändert sich alles sehr, sehr langsam“, sagt Nataschas Vater Sergei. „Besonders den Sozialschwachen geht es schlecht. In der Provinz fehlt einfach das Geld.“

 

Sergei Sykal sitzt am Tisch im Klassenraum der Mittelschule Nummer 22 in Kolomna. Der Vater hat sich das gelbe Tuch des Behindertenvereins unter den Vollbart gebunden und hält die Hand seiner Tochter. Es dauert lange, bis er den sechs deutschen Journalisten, die Anfang Juni mit dem Jugendpresseclub nach Moskau gereist waren, über seine Sorgen berichten kann. Denn in der Schule gibt Larissa den Ton an. Sie betreut in Kolomna etwa 30 geistig und körperlich behinderte Kinder und Jugendliche. Ihr Handwerk hat sie zu Sowjetzeiten gelernt und einige Traditionen bis heute konserviert. Die Verleihung von Orden und Urkunden zum Beispiel. Oder die Loyalität zu den Politikern und Offiziellen.

 

Auf kritische Nachfragen der deutschen Journalisten, wie sich der russische Staat um die Behinderten kümmert, reagiert Larissa deshalb ehr gereizt. Jedesmal, wenn die Reporter Nataschas Vater direkt ansprechen und um eine Einschätzung bitten, antwortet stattdessen Larissa: „Es hat sich schon viel verändert in Russland. Ein positives Beispiel ist schließlich unsere Organisation.“ Beim dritten Anlauf, mit Sergei Sykal ins Gespräch zu kommen, will Larissa erneut ansetzten – doch dann verlieren die Gäste aus Deutschland die Geduld: „Nein. Nicht Sie. Der Vater soll antworten.“ Gesten und Tonfall machen eine Übersetzung in dem Moment überflüssig.

 

Sergei Sykal erzählt, dass sich für die Behinderten in der russischen Provinz nach der Wende 1991 kaum etwas verändert habe. „Bei öffentlichen Veranstaltungen wird immer nur die Paradeseite gezeigt. Die sozialen Probleme werden nicht angesprochen.“ Allerdings hat Natascha jetzt einen Rollstuhl, freut sich der Vater. Den hat ihr der Bürgermeister von Kolomna geschenkt. „Früher musste ich meine Tochter oft tragen oder kilometerweit in andere Städte fahren, um einen Rollstuhl zu bekommen.“ Mit dem Gespräch wird der Ausflug doch noch zur „Geschichte“, auf die die sechs Journalisten bei ihrer Recherchereise gehofft haben.

 

Im Bus zurück in die Hauptstadt erzählt Mascha, die die Gespräche übersetzt hat, dass Gruppenleiterin Larissa sie immer wieder darum gebeten habe, einige kritische Passagen von Nataschas Vater nicht zu übersetzten: „Sie wollte, dass nur Positives über die Einrichtung geschrieben wird.“ Mascha, die an der renommierten Moskauer Lomonossow-Universität Journalistik und Deutsch studiert, wollte sich aber nicht den Mund verbieten lassen und war selbst ein wenig überrascht über die strikte Informationspolitik: „Die Leute hier wissen nicht, wie eine freie Presse arbeitet.“

 

Die violette U-Bahnlinie fährt zurück zum Hotel Izmailovo am Ismajlowskaja Park, Moskaus weitläufigster Grünanlage im Osten der Stadt. Im Hochhausblock „Delta“ ist die Gruppe des Jugendpresseclubs untergebracht – Etage 26. Die vier Bettentürme, die zu den Olympischen Sommerspielen 1980 entstanden sind, haben im Sonnenuntergang ihren eigenen Charme. Doch selbst am Abend bleibt kaum Zeit, kurz inne zu halten.

 

Während der einwöchigen Recherchereise konnten oft nur kurze Sprints, abgebrochene Mahlzeiten oder ungeplante Taxifahrten das eng gestrickte Programm zusammengehalten. Die sprichwörtliche deutsche Tugend der Pünktlichkeit entpuppte sich als Vorurteil. Darunter zu leiden hatten vor allem die Gastgeberinnen der russischen Partnerorganisation „YNPRESS“ für Nachwuchsjournalisten, Nadya Kulakowa und Irina Iwanowa. Die Redakteurinnen kümmerten sich um die Gäste aus Deutschland wie „Entenmütter um ihre Jungen“ – wie sie selbst feststellen mussten.

 

An diesem Abend sollte es nicht anders sein. Nach dem Ausflug nach Kolomna stand ein Besuch in Moskaus angeblich größter Discothek auf dem Programm. Pünktlich um 22.30 Uhr wartete Grischa Saposchnikow mit seiner Freundin in der Lobby. Der junge, stylisch-gekleidete Journalist war wohl Szene-Reporter in Moskau, hätte aber auch bei einem Musiksender vor der Kamera stehen können. Hinter dem Metalldetektor am Eingang empfing der Disco-Chef die deutschen Journalisten persönlich. Der Mittzwanziger zeigte stolz, aber ein wenig gelangweilt einen Saal nach dem anderen: Billard, Bowling, Restaurants, Tanzflächen, Musikbühnen auf drei Etagen, verbunden mit Rolltreppen. Eine Glitzerwelt für zehn Euro Eintritt. Einige Wodkagläser und Modern-Talking-Songs später, als die Gruppe kurz vor Sonnenaufgang in den Delta-Turm zurückkehrte, hatte sich Gastgeberin Irina Iwanowa schon telefonisch gemeldet: „Alles klar? Alle wieder im Hotel?“ Schließlich waren die nächsten Tag wieder eng gestrickt: Stadtbesichtigung, Mittagessen, Besuch im Russisch-Deutschen Zentrum, dann zur Neuen Deutschen Zeitung, Interview im Bildungsministerium…

Michael Haselrieder (2004)