Brasilien - Drei Deutsch-Schüler*innen berichten aus ihrem Alltag im Shutdown

Bianca Castro
Bianca Castro

“Wir  sind einsam und ungeduldig”
Von Bianca Castro  (24 Jahre)

Ich bin Bianca Castro aus Brasília. Ich bin Guest Service Agent. Das Hotel, in dem ich arbeite, ist geschlossen. Home Office kann ich nicht machen. Ich weiß nicht, wann ich wieder normal arbeiten gehen kann und habe Angst um meinen Job.

Mich hat die Pandemie ziemlich verunsichert, besonders das Gefühl der Hilflosigkeit: Wir können das Virus momentan nicht stoppen. Ich fühle mich sehr einsam. Ich kann weder meine Verwandten besuchen, noch mich mit Freunden zum Spaziergang treffen. Wie mir geht es vielen. Die jungen Leute in Brasilia sind ungeduldig. Die Isolation setzt uns zu. Meine Kollegen und ich warten auf das Ende der Ausgangssperre, um wieder arbeiten zu können. Wir versuchen einander beizustehen, auch wenn es nur online ist.

Mein Land leidet unter regionalen Unterschieden im Umgang mit der Krise. Nicht alle Menschen haben Zugang zum Gesundheitssystem oder zu virtuellen Bildungsmöglichkeiten, um die Schließung von Schulen und Hochschulen auszugleichen. Die sozioökonomischen Unterschiede in der Bevölkerung sind zu groß. Ich glaube trotzdem, dass junge Leute in Brasilien weiter die Chance haben, ihre Ziele zu erreichen und ihre Zukunft zu gestalten, weil sie durch die Krise lernen können. Wie man mit Fake News umgeht zum Beispiel, denn die sind ein Problem. Oder was man in unserem Land verändern muss. In einem Jahr, 2021, würde ich über die Gesellschaft meines Landes gerne folgendes in der Zeitung lesen: „Ein Jahr nach der Pandemie übernimmt Brasilien ein öffentliches Gesundheitssystem, wie es die meisten anderen Länder haben. Künftig können wir allen eine qualitativ hochwertige Versorgung garantieren.”
 

Iago Paranhos
Iago Paranhos

„Zuhause ist kein Platz, um zu arbeiten”
Von Iago Paranhos (17 Jahre)

Ich bin Iago aus Brasilien und bin Schüler. Ich dachte bisher immer, dass ich umsichtig bin und gut Rücksicht nehmen kann. Da lag ich falsch. Ich bin seit Ausbruch der Pandemie immer besser geworden.

Wir sind alle nervös. Einige meiner Freunde sind extrem angespannt. Ich kann es verstehen. Es ist nicht normal, so lange Zeit Zuhause zu sein. Mir geht es relativ gut. Ich kann Fernsehen und habe Internet, um Schulstoff zu lernen. Aber vielen Schülern in Brasilien fehlt ein Internetzugang! Sie können keine Aufgaben machen. Der Bildungminister will das Datum unserer Mittleren Schulabschlussprüfung Enem (Exame Nacional do Ensino Médio) aber nicht aufschieben!

Wir versuchen voranzukommen. Ich gehe wenig raus. Ich versuche, nicht egoistisch zu sein. Einige Regionen Brasiliens respektieren die Quarantänemaßnahmen mehr als andere. Die systemrelvanten Berufe arbeiten normal weiter. Viele Menschen arbeiten für Ifood, einen Lieferdienst. Ein paar Geschäfte haben ihr Angebot ins Internet verlagern können. Wer selbständig ist, versucht im Home Office zu arbeiten. Ich finde Home Office wie Homeschooling – mäßig produktiv. Zuhause ist kein Platz, um zu arbeiten.

Der Wirtschaft brechen die Aufträge weg.  Die Regierung hilft mit einem Notfonds und bezahlt jedem Brasilianer 600 Real [etwa 100 Euro] aus. Aber viele Menschen kommen gar nicht zur Bank, um das Geld abzuheben, oder man muss lange anstehen.  Ich vermissen mein altes Leben. Aber ich weiß, der Zustand jetzt ist nicht von Dauer. Sobald die Wissenschaftler einen Impfstoff entwickelt haben, kann man gegen das Coronavirus impfen. Ich wünsche mir, dass die Impfung für alle Menschen zugänglich sein wird.

 

Larissa Barbosa
Larissa Barbosa

„Ohne Unterricht fällt es mir schwer, an etwas anderes als die Pandemie zu denken”
Von Larissa Barbosa (21 Jahre)

Ich bin Larissa Barbosa. Ich studiere an der Universität von Brasília. Mich macht die Pandemie sehr unruhig, ich mache mir Sorgen um die Gesundheit meiner Familie und Freunde. Wir haben keine Vorlesungen mehr, da nicht alle Studierenden über eine digitale Infrastruktur verfügen um den Stoff online nachzuarbeiten. Weil das so ist und die Hochschule soziale Unterschiede nicht weiter verschärfen will, wurde das Semester ausgesetzt. Ich bleibe Zuhause und habe so gesehen Freizeit. Ich verlasse das Haus nur im Notfall. Ich gehe nicht einmal mehr mit meinen Hunden spazieren.

Hier in Brasilien ist die Situation besorgniserregend. Es gibt viele Menschen, die das Virus leugnen. Der Präsident selbst, Jair Bolsonaro, hat in einer Erklärung gesagt, dass COVID-19 nur ein „kleine Grippe” ist.

Ohne Unterricht fällt es mir schwer, an etwas anderes als die Pandemie zu denken. Als Medienstudenten beschäftigen wir uns mit den Fake News, die in Brasilien über das Virus verbreitet werden. Meine Freunde und ich machen online Lerngruppen und Debatten, um die Zeit ohne Vorlesungen so gut es geht zu überbrücken. Wir geben uns auch gegenseitig Tipps zu Filmen, Büchern und Serien. Im Grunde machen wir alles online, sogar Therapiesitzungen. Wir machen sogar Yoga-Kurse, um Angstzustände zu reduzieren. Alles ist sehr neu.

Ich mag die Idee, unsere Online-Aktivitäten neu zu erfinden. Leider haben nicht alle Brasilianer Zugang zum Internet und zu einem Computer. Was mich am meisten beunruhigt, ist das brasilianische Schulsystem. Schulen bei uns haben keine Struktur für Online-Klassen und nicht alle Schüler haben Computer.

Was ich an dieser Krise positiv finde ist, dass mehr Menschen den Bedürftigen helfen. Sie spenden Lebensmittel und Hygieneprodukte an Obdachlose und Pflegeheime. Ich denke, dass Brasilien in den kommenden Monaten mit noch mehr Opfern der Krankheit fertigwerden muss, es wird schwierig und traurig sein, aber ich sehe keine andere Option für mein Land, weil eine Minderheit die soziale Isolation nicht einhält.

Ich schätze, dass die brasilianische Jugend trotz vieler Herausforderungen von einer besseren Zukunft träumen kann und sollte. Aber damit das passiert, denke ich, ist es notwendig, dass wir andere Gouverneure bekommen. 2021 würde ich gerne lesen, dass Brasilien einen neuen verantwortlichen Präsidenten hat, dass wir von diesem Virus geheilt sind und brasilianische öffentliche Universitäten in alle Bereiche der Wissenschaft investieren.

 

 

Redaktionelle Bearbeitung aller Portraits: Dr. Tanja Kasischke

 


Denise F. G. Marques
Denise F. G. Marques

Zum Hintergrund der Selbstportraits:

Das Pressenetzwerk für Jugendthemen hatte im Mai 2020 einen Fragebogen für Schüler*innen an die Deutsche Botschaft in Brasilia verschickt mit der Bitte um Weiterleitung an mögliche interessierte Partnerschulen. So landete unsere Umfrage bei Denise F. G. Marques, die seit 2010 als Deutschlehrerin am Centro Interescolar de Línguas (CIL1) in Brasília tätig ist. Sie beschreibt die Schule folgendermaßen:

CIL ist eine Sprachenschule, die Schülerinnen und Schüler des öffentlichen Schulwesens aufnimmt. Sie können bei uns Deutsch, Englisch, Französisch oder Spanisch lernen. Unter unseren Zielen sind: Schülern der öffentlichen Schulen die Möglichkeit geben, eine Fremdsprache zu lernen, ihr kulturelles Universum zu erweitern und sie dazu führen, im einem globalisierten Welt zu reflektieren, zu handeln und zu interagieren.
 
Das Bildungsministerium des Bundesdistrikts hat einen technischen Kooperationsvertrag mit dem Goethe-Institut und deshalb sind wir eine Partnerschule der PASCH-Initiative (Schulen: Partner der Zukunft). Die Schüler können bei uns bis 6 Jahre Deutsch lernen und  können ab dem 6. Schuljahrgang mit dem Deutschkurs beginnen. Sie haben 3 Stunden Unterricht pro Woche und im Laufes des Kurses legen sie die Goethe-Zertifikate A1 bis B1 ab. Auch wenn sie fertig mit der Schule sind, dürfen sie am CIL weiter lernen, bis sie fertig mit dem Deutschkurs sind, deshalb haben wir auch Studenten in unseren Kursen.

Wir danken Denise F. G. Marques und allen Schülerinnen und Schülern ganz herzlich, die unseren Fragebogen ausgefüllt und damit diesen Einblick in das Leben junger Menschen in Brasilien ermöglicht haben!