Griechenland - Welche Antworten geben Jugendorganisationen auf die Pandemie?

Wie gehen Jugendorganisationen in Deutschland und Griechenland mit den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie um? Welche alternativen Methoden und Wege haben sie entwickelt und wie planen sie das weitere Jahr? Darauf antworten die NGO Elix aus Athen, Peter Mitchell, der für Fusion Intercultural Projects Berlin e.V. arbeitet sowie die Organisation Mostar Friedensprojekt, die in Potsdam sitzt.

Agorayouth: Judith, du hast Elix gegründet. Kannst du die Leser, die euch noch nicht kennen, kurz in eure Arbeit einführen?
Judith Wunderlich-Antoniou: Wir sind eine gemeinnützige Organisation, die seit 1987 im Bereich der internationalen Austausch- und Freiwilligendienste und Bildungsprojekte aktiv ist. Unser Büro ist in Athen, aber unsere Projekte sind über ganz Griechenland verteilt. In Deutschland arbeiten wir durch die Freiwilligendienste mit IBG - Internationale Begegnung in Gemeinschaftsdiensten e.V., ICJA Freiwilligenaustausch weltweit e.V, IJGD - Internationale Jugendgemeinschaftsdienste, der Norddeutschen Jugend im internationalen Gemeinschaftsdienst e.V., Pro International e. V., der Vereinigung junger Freiwilliger e.V. und Wilde Rose e.V. zusammen.
 
Inwiefern hat sich eure Arbeit in den letzten Wochen verändert?
In den letzten vier Jahren sind wir sehr aktiv in Bildungs- und Integrationsprojekten für Migranten und Flüchtlinge. Wir haben derzeit drei Lernzentren, die durch die Pandemie geschlossen bleiben. Unsere Pädagogen und Sozialpädagogen mussten innerhalb sehr kurzer Zeit vom analogen zum digitalen Lernen umdenken und haben viele Plattformen ausprobiert. Die Zugangsmöglichkeiten von benachteiligten Gruppen zu Bildungsportalen im Internet sind aber beschränkt und somit haben wir auf einfache soziale Netzwerke und deren Werkzeuge zurückgegriffen. Wir erreichen unsere Lernenden durch Facebook-Gruppen und Podcasts und sind auch einmal die Woche vor Ort in einem Flüchtlingscamp, um Lernmaterialien auszugeben und einzusammeln, Feedback zu geben und zu erhalten und natürlich Sorgen und Wünsche zu hören.

Und was die Arbeitsprozesse angeht?
Allgemein arbeiten alle Mitarbeiter von zu Hause – auch hier war es nicht einfach einen Rhythmus zu finden, um die Information aller in gleichem Maße zu gewährleisten. Diesen Büroalltag haben wir mit täglichen kurzen und auch manchmal längeren Koordinierungstreffen recht gut in den Griff bekommen. Das Büro ist wechselnd mit drei Mitarbeitern besetzt, die auch die Arbeit der Teams zu Hause und im Flüchtlingscamp unterstützen. Wir haben derzeit sechs Jugendliche, die Europäische Freiwilligendienste leisten und von ihrer Unterkunft aus, dem „Freiwilligenhaus“, die Projekte von Elix unterstützen und die digitale Kommunikation und Vorbereitungen organisieren. Viele europäische Seminare und Freiwilligendienste im Ausland wurden abgesagt und/oder verschoben, einige Freiwillige sind auch vorzeitig zurückgekehrt nach Griechenland, dabei gab es vielschichtige organisatorische Dinge zu regeln und zu klären.

Mit den im Ausland verbliebenen Freiwilligen haben wir regelmäßigen Kontakt. Wichtig war uns auch die Betreuung von unserem Personal: Viele unsere Mitarbeiter leben allein oder sind mit ihren Kindern im Home Office. Auch hier war uns wichtig, kleinere Gruppen zu bilden, die sich wöchentlich mit unserer Psychologin online treffen und sich austauschen und unterstützen. 
 
Wie plant ihr denn die kommenden Monate?
Ende April setzen wir uns als Team zusammen und werden anhand der aktuellen Lage entscheiden, ob wir die internationalen Workcamps im Sommer durchführen können. Für dieses Jahr sind Workcamps für zwei Gruppen geplant: zum einen für sozial und finanziell benachteiligte Kinder und zum anderen für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen. Bei beiden Workcamps kommen junge Menschen aus aller Welt nach Griechenland, um ein buntes Programm zu gestalten. Diese Projekte gibt es schon seit 2013 und es wäre sehr schade wenn diese nicht zustande kämen. Die Gesundheit aller Beteiligten geht aber natürlich vor, sodass die Entscheidung nicht einfach sein wird.

Die Lernzentren werden wieder geöffnet, sobald dies möglich sein wird. Das Bildungsprojekt ist bis Ende Oktober finanziell abgesichert. Sorgen macht uns aber allgemein, wie sich die Pandemie weltweit auf die Wohltätigkeitsorganisation auswirken wird und wie sich die Finanzierungsmöglichkeiten für soziale Projekte im nächsten Jahr bzw. den nächsten Jahren gestalten werden, da natürlich auch die Spender und Stifter betroffen sind.
 
Und welche neuen Wege versucht ihr auszuloten?
Das Bildungsprojekt für Flüchtlinge und Migranten stellt sich derzeit komplett um. Wir müssen neue Wege der Kommunikation finden: Das geht nicht nur online, denn wir müssen die Schwierigkeiten unserer Zielgruppe im Auge behalten, die eben keinen Zugang zum Internet hat. "Back to basics" ist manchmal effektiver als eine interaktive Plattform. Deshalb planen wir auch weiterhin mit unseren Lernenden telefonisch in Kontakt zu bleiben und gedrucktes Material wie Bücher und Arbeitsblätter, Stifte, Malutensilien, Spiele und Ähnliches zu verteilen. Insgesamt rechnen wir für 2020 mit verminderten Einnahmen durch Mitgliedsbeiträge zu unseren Workcamps und wir versuchen, diese über Projektanträge bei verschiedenen Stellen auszugleichen.


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Agorayouth: Peter, du  führst für FUSION – intercultural Projects Berlin e.V. Projekte durch. Wie geht ihr im Verein mit der Situation um?
Peter Mitchell: Ich als freier Mitarbeiter kann sagen, dass die Corona-Pandemie auch Fusion - intercultural Projects e.V. sehr hart getroffen hat. Der Verein organisiert nicht nur selbst Projekte, sondern hat über die letzten Jahre auch den Zebra Kagel-Projektspace im brandenburgischen Grünheide-Kagel aufgebaut und viel in ihn investiert. Jetzt sind alle Projekte und Veranstaltungen bis in den Herbst gecancelt.

Ihr habt erst vor kurzem mit eurem Partner PRAXIS in Serres ein Fachkräftetraining durchgeführt und für den Frühsommer war eigentlich das nächste gemeinsame Projekt geplant.
Ja, genau, wir haben im vergangenen Dezember das Fachkräfte-Training 'Migrationsgesellschaft' umgesetzt und hatten eigentlich für Juni 2020 ein Folgeprojekt zum Thema Kommunikationsstrategien in Migrationsgesellschaften geplant. Das wird nun hoffentlich im Winter 2020/2021 stattfinden. Auch wollten wir diesen Sommer gemeinsam eine multilaterale Jugendbegegnung in den ukrainischen Waldkarpaten durchführen. Da haben wir immer noch die Hoffnung, dass sie sich im Herbst umsetzten lässt. 

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Eggert, ihr seid ein kleiner Verein aus Potsdam, der seit einiger Zeit im deutsch-griechischen Austausch aktiv ist. Wie kam es dazu?
Eggert Hardten: Uns gibt es bereits seit mehr als 25 Jahren. Wir haben uns aus der Flüchtlingshilfe für Bosnier und für Bosnien-Herzegowina heraus entwickelt. Dort haben wir auch ein eigenes Haus, in dem wir Jugendaustausche durchführen und Projekte organisieren. Jugendaustausche machen wir seit dem zweiten Jahr unserer Tätigkeit mit bosnischen Jugendlichen aus den Kriegsgebieten und mit bosnischen Flüchtlingskindern. Auch arbeiten wir mit den Erasmus+ Programmen und dem Kinder- und Jugendplan. In Griechenland arbeiten wir regelmäßig mit unseren Partnern Babylon, Youthnet Hellas und KANE in Kalamata zusammen. Eine innige Verbindung hat sich seit 2016 mit unserem Partner Fabrica in Athen entwickelt.

Und zu welchen Themen arbeitet ihr derzeit?
Es sind sowohl Programme gegen Radikalisierung von Jugendlichen und Antirassismus, als auch Theaterprojekte und solche mit Theaterelementen und -methoden. Auch entwickeln wir eigene ökologische Projekte zu Themen wie etwa Insekten, alternative Energien, Nachhaltigkeit, alternative Landwirtschaft, Nahrungsverhalten oder auch Biodiversität. Seit zwei Jahren entwerfen unsere Freiwilligen auch Programme und schreiben diese dann auch selbst. Übrigens entwickelt jetzt auch Fabrica das erste Jugendaustauschprojekt selbst. Toi, toi, toi, wir drücken einander die Daumen!  

Wie hat sich eure Arbeit in den letzten Wochen verändert?
Wir waren noch im Februar in Athen mit einem Jugend-Fachkräfteaustausch zum Thema Puppenspiel und hatten einen Auftritt auf der Theaterbühne von Fabrica. Danach ging es auf die Insel Kos, wo wir einen Jugendaustausch vorbereitet haben. Als wir zehn Tage später nochmals dorthin zurückkamen, hatte sich die Insel bereits total verändert: Unser italienischer Teamleader war schon voll im bürokratischen Lockdown und musste seine Reiseroute beim Außen- oder Gesundheitsministerium online anmelden. Er wusste, dass er nach seiner Rückkehr in eine vierzehntägige Quarantäne gehen würde. Da haben wir vorsichtshalber den Anfang des Jugendaustauschs verschoben.

Schon vor den Ankündigungen von Kanzlerin Merkel war uns klar, dass wir erstmal keine Maßnahmen mehr durchführen können. Wir schätzen, nicht vor Juli/August in Deutschland und nicht vor September in Bosnien-Herzegowina – das würden wir uns zumindest wünschen. Das Projekt auf Kos verschieben wir daher hinter das Folgeprojekt auf Usedom. Unseren Trainingskurs in Bosnien verschieben wir in den September und der Jugendaustausch „Let's talk about Sex“ wird in den Oktober geschoben. In den Sommer verschieben wir das Projekt „Make Arts Not Walls“. Um die Slots dafür zu reservieren, müssen wir jetzt 25 Prozent mehr zahlen, weil sonst unser Partner mit dem Veranstaltungshaus Verluste macht.

Wie nutzt ihr denn die ungewisse Zeit?
Wir schreiben neue Projektanträge und arbeiten an unserer schrecklichen Website. Auch werden wir an Werbebotschaften arbeiten wie etwa kleinen YouTube-Filmen oder Postkarten malen.
Auch kann man gut (und mal rechtzeitig) Projektberichte vorbereiten, damit wir später nicht wieder so lange auf die letzte Tranche warten müssen. Außerdem ist auf unserer kleinen Permakultur-Farm in Bosnien der Frühling ausgebrochen. Am Haus haben wir schon im Februar herum renoviert, da wartet alles auf den Beginn unseres kleinen Jugendcafés. Vielleicht bauen wir auch noch etwas um, wenn wir das Geld dafür auftreiben können. Wir hoffen, dass uns noch etwas bewilligt wird, denn am Schönsten ist es, wenn man sich auf ein Projekt freuen kann.

Mit welchen Schwierigkeiten habt ihr konkret zu kämpfen?
Wir wissen nicht genau, wie wir über die Monate kommen, weil dies alles eine Frage des Cashflows ist und von der Höhe unserer Verluste abhängt. Viele Partner können nicht lange auf Geld warten, weil sie selbst in der gleichen Situation sind. Die Frage ist: Wie hoch sind die Mehrkosten, die wir haben, wenn wir etwa für die nächsten drei Monate nichts tun können? Kriegen wir die Projekte schnell genug abgewickelt, wenn wir dann wieder arbeiten können? Wir befürchten auch, dass unsere Regierungen jetzt das Geld verpulvern, das uns später für eine Förderung fehlen wird. So etwas habe ich bereits im ehemaligen Jugoslawien gesehen, wo nach milliardenschweren Interventionen Strukturen zusammenbrachen, weil einfach Mittel entzogen wurden.

Besonders bei jungen Menschen sehen wir einen hohen Vertrauensverlust, ins Ausland zu gehen. Wir müssen daher mehr lokal wirken und uns enger vernetzen, also über andere Kanäle zusammenarbeiten. Auch, damit die Förderung nicht vollkommen von großen Events mit mehr als 30  Jugendlichen aus sechs bis sieben Ländern abhängt. Wir haben vor, längerfristige Projekte zu entwickeln, in denen wir lokal die gleichen Projekte machen, sodass es nach einer Phase des Trainings und in direkter Koordination dann erst zu einem Großevent kommt.

Umfrage: Lisa Brüßler
Fotos: agorayouth

 

Der Text ist ursprünglich erschienen auf dem Blog des Pressenetzwerks für Jugendthemen e.V. zum Deutsch-Griechischen Jugendaustausch agorayouth.com