Tschechien - Franco Ramirez denkt um

„Unser Lebensstil ist auf die unbegrenzte Verfügbarkeit von Ressourcen ausgerichtet.“

Franco Ramírez
Franco Ramírez

Ich bin Franco Ramírez, ich stamme aus Mexico City, lebe aber seit mehreren Jahren in Tschechien. Ich bin von Beruf Restaurator. Durch die Pandemie hat sich mein Leben grundlegend verändert, aber ich bin gut davongekommen.

Viele junge Leute wurden in den zurückliegenden Wochen arbeitslos oder haben von sich aus ihren Job aufgegeben, weil sie die Situation enorm verunsichert. Sie sind wieder zu ihren Eltern gezogen, weil sie ihre Miete nicht mehr bezahlen konnten.

Anfang des Jahres habe ich noch in Prag gelebt und wollte dort mit Freunden ein Restaurant eröffnen. Ich wäre für die Einrichtung zuständig gewesen. Dann kam Corona, und wir mussten die Idee verwerfen. Jeder von uns arbeitet wieder in seinem Brotberuf. Ich persönlich bin froh, dass es nicht dazu kam, dass wir unser Vorhaben umgesetzt haben. Für Gründer ist die Situation diffus. Die Pandemie hätte uns zu schaffen gemacht. Durch die Umstände war ich allerdings gezwungen, meine Wohnung in Prag ebenfalls aufzugeben und umzuziehen. Ich bin in Karlovy Vary gelandet. Die Stadt ist klein und die Umgebung ländlich, aber aufgeräumt. Tatsächlich habe ich mich durch die Krise und den Ortswechsel intensiv damit auseinandergesetzt, was ich wirklich brauche und was im Leben verzichtbar ist. Ich habe mich von vielen Dingen getrennt.

Das ist meine Situation im Frühjahr 2020: Ich habe gemerkt, dass unser Lebensstil auf die unbegrenzte Verfügbarkeit von Ressourcen ausgerichtet ist. Man sammelt Zeug an, das man entweder gar nicht verwendet oder in geringerem Maße, als man es hat. Ich bemühe mich jetzt, weniger materialistisch zu denken. Ich bezweifle, dass mir der Schritt ohne den Shutdown so bewusst gewesen wäre.

Ich hatte Glück, dass ich in der Pandemie nicht arbeitslos wurde. Ich habe einen Job in der Denkmalpflege. Ich kann viel draußen arbeiten, das gefällt mir gut, und ich habe etwas zu tun. Die Einschränkungen sind leichter zu ertragen, wenn man nicht dauernd darüber nachdenkt. Wir haben zwar Lieferengpässe beim Arbeitsmaterial, es gibt überall Aufschub, aber wir mussten nicht in Kurzarbeit. Schwierig finde ich die Situation für die Menschen, die auf dem Bau arbeiten. Gerade Zeitarbeiter, die können weder Home Office machen, noch erhalten sie Lohnfortzahlungen. Die müssen weiterarbeiten – sonst war’s das.

Ich möchte in Europa bleiben. Ich habe einen Vertrag und verdiene Geld. Bisher hat die Regierung meine Aufenthaltserlaubnis immer verlängert, ich hoffe Corona ändert daran nichts.

 


Redaktionelle Bearbeitung durch Dr. Tanja Kasischke