Ungarn - Trockengelegte Berufsperspektiven

Die Pandemie macht Ingenieur István Galambos Jobeinstieg zunichte

István Galambos
István Galambos

Ich bin István Galambos (30) aus Budapest, ich habe gerade mein Studium abgeschlossen und bin nun ein arbeitsloser junger Ingenieur, denn durch Corona herrscht hier überall Einstellungsstop. Ich bemerke schon eine Unruhe in mir. Die Lücke im Lebenslauf macht sich nicht gut. Sie ist frustrierend. Ich versuche, den Umständen eine Bedeutung abzugewinnen und die Situation nicht als verloren zu sehen, sondern als charakterliches Training. Vielleicht ist diese Zeit im Frühjahr 2020 die Gelegenheit, dass wir uns weiterentwickeln.

Das meine ich so: Ich habe akzeptiert, dass ich eine Zeitlang arbeitslos bin und staatliche Sozialleistungen erhalte. Ich versuche währenddessen, mir meine sozialen Kontakte „anzusehen“ und mir darüber klarzuwerden, welche Menschen mir wirklich wichtig sind. Und welche nicht. Dann bin auch ich aufgeräumter, wenn ich mir darüber klar bin. Durch die Ausgangssperre und den eingeschränkten Bewegungsradius der vergangenen Monate habe ich mir angewöhnt, fokussierter zu sein. Ich nehme mir Dinge bewusst vor, ich habe kreativ und mehr mit den Händen gearbeitet, und festgestellt dass ich keinen Anlass hatte, faul abzuhängen. Darüber bin ich ganz froh, dass die Welle mich nicht erfasst hat. 

In der Hauptstadt selbst und im Großraum Budapest sind die Einschränkungen und Corona-Vorschriften strenger und umfassender als auf dem Land, weil dort weniger Menschen wohnen und mehr Platz ist. Das macht das Leben in der Stadt aktuell herausfordernder und erhöht den Druck auf die Bevölkerung. Die Folge ist, dass die Menschen hier verunsicherter sind, aber sie halten sich gleichzeitig disziplinierter an die Vorschriften.

Meine Generation wird es durch die Auswirkungen der Pandemie auf dem Arbeitsmarkt schwerer haben. Ein guter Abschluss ist nur die eine Seite der Medaille, man braucht auch Berufspraxis, und wann die Wirtschaft wieder soweit flexibel sein wird, dass wir diese Erfahrungen werden sammeln können, ist fraglich. Ich merke an meiner eigenen Situation, wie schwer das mit einem Mal geworden ist. Ich komme direkt von der Uni und hatte bis vor ein paar Wochen ein Netzwerk und mehrere zugesagte Vorstellungsgespräche, die alle gecancelt wurden. Das Netzwerk ist schlicht unsichtbar geworden. Die Pandemie hat meine Berufsperspektiven wie trockengelegt. 
        
Ich wünsche mir für meine Generation, dass die Wirtschaft schnell wieder anspringt, sobald die Krise abebbt, und qualifizierte Arbeitskräfte dann wieder gesucht sind. Dass man uns jungen Leuten etwas zutraut und Verantwortung überträgt. Aktuell hat die Regierung Hilfsmaßnahmen auf den Weg gebracht, um eine zu stark ansteigende Arbeitslosigkeit abzuwenden, unter besonderer Berücksichtigung betroffener Familien mit minderjährigen Kindern. 

In einem Jahr, 2021, würde ich mir wünschen, über mein Land folgendes in den Medien zu lesen: „Die Zahl der Berufsabschlüsse ist trotz der Pandemie konstant geblieben und der Einbruch auf dem Arbeitsmarkt war weniger dramatisch, als befürchtet. Ungarns Gesundheitssystem ist in der Lage, sich wieder umfassend um die Versorgung in allen Bereichen zu kümmern. Durch die Beschränkung auf die Behandlung von Covid-19 konnte kein sprunghafter Anstieg anderer, etwa psychischer Krankheiten nachgewiesen werden.“ Das wäre mir wichtig, dass wir zur Eindämmung der Pandemie keinen zu hohen Preis bezahlt haben.

 

Redaktionelle Bearbeitung durch Dr. Tanja Kasischke